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Bertolt Brechts Haus in Dänemark

Radioessey für eine Sendung des SFB, März 2002

Geflüchtet unter das dänische Strohdach, Freunde
Verfolg ich euren Kampf. Hier schick ich euch
Wie hin und wieder schon die Verse, aufgescheucht
Durch blutige Geschichte über Sund und Laubwerk.
Verwendet, was euch erreicht davon, mit Vorsicht!
Vergilbte Bücher, brüchige Berichte
Sind meine Unterlage. Sehen wir uns wieder
Will ich gern wieder in die Lehre gehn.

Das Gedicht "Svendborg" von Bertolt Brecht gibt einer ganzen Sammlung von Gedichten den Namen. Die "Svendborger Gedichte", die 1939 unter dem Titel "Gedichte im Exil" in Kopenhagen erschienen, kommentieren in lyrischer Form die Ereignisse in Deutschland und Europa nach der Machtübernahme der Faschisten. Neben dem politischen Gestus ist in diesen Gedichten noch ein leiserer, privaterer Ton zu vernehmen. Brecht unterlegt seine Einwürfe und Stellungnahmen mit den Bildern des Hauses in Dänemark und der idyllischen Umgebung am Svendborg Sund, in der er sechs Jahre lang lebte.
Dieses Haus, das in Brechts Literatur an prominenter Stelle steht, wurde von der Svendborger Kommune als Arbeitsrefuguim für Künstler und Kulturschaffende eingerichtet.

O-Ton Søren Lind, Brecht-Haus-Vorstand
(über das Dänische zu sprechen:)
Es gab viele Überlegungen, wie man das Haus nutzen könnte, ob man es z. B. zu einem Brecht Museum umbauen sollte. Aber man hatte keine Ausstellungsstücke, Möbel, Bücher - es gab praktisch nichts, das noch eine direkte Verbindung zu Brecht besaß.
Eine kommunale Arbeitsgruppe wurde eingesetzt. Diese Gruppe kam sehr schnell zu dem Entschluß, ein Refugium, eine Arbeitsstelle zu schaffen. Und das ist genau die Funktion, die das Haus heute noch hat.

Das Grundstück am Skovsbostrand wird zu einem neuen kulturellen Schwerpunkt an der Südküste Fünens ausgebaut, die vielen Deutschen bislang nur als Urkaubsterrain bekannt war. Damit findet die Geschichte des Hauses wieder Anschluß an die Gegenwart. Und die Gegenwart kann sich wieder auf die Geschichten, ja den Mythos um dieses Haus einlassen.

Musik, Dreigroschenoper, Anfang

Am 30. 1. 1933 ernennt der greise Reichspräsident und ehemalige Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Kanzler des Deutschen Reiches. Viele Intellektuelle verlassen daraufhin Deutschland. Bertolt Brecht ist einer davon. Zu diesem Zeitpunkt ist er 35 Jahre alt und einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren in Deutschland. Seine "Dreigroschenoper" ist bereits das, was man einen Welterfolg nennt, aber doch nur eines von vielen Stücken wie "Mann ist Mann", "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" und "Trommeln in der Nacht". Er ist mehrfach preisgekrönt. Die Berliner Illustrierte brachte schon 1926 sein Konterfei als Beispiel für die junge Schriftstellergeneration, und sein Foto gibt es als Sammelkärtchen in Zigarettenschachteln. Brecht ist ein so ehrgeiziger und markttüchtiger wie innovativer Autor. Er reformiert die Bühnenpraxis mit sozialkritischen Stücken, die gleichzeitig große Publikumserfolge werden.

Aber Brechts Bekanntheit gründet sich nicht allein auf seine Produktivität als Autor. Mit seinem Namen verbinden sich Skandale und mancher Eklat. Als Literat schreibt er Gedichte mit oft unverhohlen pornographischem Inhalt. Als alleiniger Juror eines Lyrik-Wettbewerbs verleiht er den Preis dem Radrennfahrer Hannes Küpper für sein Gedicht "He, he! The Iron Man!" und schreibt in seiner Begründung:

Ich muß zugeben, daß ich, als ich einwilligte, einen Haufen jüngster Lyrik auseinanderzuklauben, ziemlich leichtfertig handelte. [...] Es sind über ein halbes Tausend Gedichte eingelaufen, und ich will gleich sagen, daß ich nichts davon wirklich gut gefunden habe. Ich habe natürlich immer gewußt, daß jeder halbwegs normale Deutsche ein Gedicht schreiben kann und das gegen jeden zweiten nichts beweist. Aber was schlimmer ist, ich habe hier eine Sorte von Jugend kennengelernt, auf deren Bekanntschaft ich mit größerem Gewinn verzichtet hätte. Mein Interesse besteht sozusagen darin, sie zu verheimlichen. [...] Angesichts des unbeschreiblichen persönlichen Unwerts dieser Leute meines Alters könnte man sich nicht einmal etwas davon versprechen, einen von ihrer Art mit irgendeiner beliebigen Wirklichkeit zu konfrontieren: selbst durch ein heilsames Hohngelächter könnte man die nicht von ihrer Sentimentalität, Unechtheit und Weltfremdheit heilen. Das sind ja wieder diese stillen, feinen, verträumten Menschen, empfindsamer Teil einer verbrauchten Bourgeoisie, mit der ich nichts zu tun haben will!

Und so klingt es, wenn Brecht, unsentimental, die empfindsamen Gemüter verspottet. Er selbst singt in einer seltenen Aufnahme die „Die Moritat von Macy Messer“.

Brecht: Die Moritat von Macy Messer

Mit einundzwanzig Jahren wird Brecht erstmals Vater. Paula Banholzer bringt den gemeinsamen Sohn Frank zur Welt. Vierundzwanzigjährig heiratet Brecht im November 1922 eine andere Frau, die von ihm schwangere Opernsängerin Marianne Zoff. Im März 1923 wird die Tochter Hanne geboren. Zum dritten Mal Vater wird Brecht während der Ehe mit Marianne Zoff durch die Geburt des Sohnes Stefan. Die Mutter ist diesmal Helene Weigel. Seine Beziehung zu Helene Weigel und selbst den Sohn verleugnet Brecht lange vor seiner Frau Marianne, die er seinerseits mit Eifersuchtsvorwürfen überzieht, weil sie mit dem Schauspieler Theo Lingen ein Verhältnis hat. 1927 wird die Ehe mit Marianne Zoff geschieden und 1929 heiratet Brecht Helene Weigel, die 1930 die Tochter Barbara zur Welt bringt. Zweiunddreißigjährig hat Brecht vier Kinder von drei Frauen und daneben ein Liebesverhältnis zu fast allen seinen Mitarbeiterinnen. Brechts Verhältnis zu den Frauen ist Gegenstand vieler und umfangreicher Diskussionen und Untersuchungen gewesen. Und so spielerisch leicht sein literarisches Werk avantgardistische Experimentierfreude und Publikumswirksamkeit zusammenbringt, so sehr sind seine Liebesbeziehungen zwischen romantischen Gefühlen und einem emotionalen Materialismus gespannt, der Liebe nur als Befriedigung fleischlicher Bedürfnisse begreift.

Zu den literarischen Erfolgen und den amourösen Turbulenzen kommt ab Ende der dreißiger Jahre Brechts Liebäugeln mit dem Marxismus. Inwieweit er sich bis 1933 kommunistischen Ideen öffnet, ob er Soldatenrat war oder nicht, ist unter den Brecht-Forschern noch immer Gegenstand einer hitzigen Debatte. Einerseits inszeniert er sich als linker Arbeiterautor, andererseits hinterläßt er kaum greifbare Spuren eines politischen Engagements. 1947 wird Brecht, der seit 1941 im amerikanischen Exil lebt, vor das House on Un-American Activities Comitee (Kongreß für unamerikanische Betätigung) geladen, das gerade seine Kampagne gegen die kommunistische Infiltration der USA gestartet hat. In nach sechs Jahren Exilaufenthalt erstaunlich schlechtem Englisch gibt Brecht über sich Auskunft. Dabei beantwortet er die Frage: "Are you or have you ever been a member of the communist party?" - "Sind Sie oder waren Sie jemals ein Mitglied der kommunistischen Partei?" - wahrheitsgemäß mit „Nein“.

Tonaufnahme: Brecht Verhör

Obwohl also Brecht 1933 kein Mitglied der KPD ist, steht er ganz oben auf der roten Liste des an die Macht gekommenen Naziregimes. Am 27. 2. brennt in Berlin der Reichstag. Brecht liegt am Morgen dieses Tages nach einer Bruchoperation noch im Krankenhaus. Abends packt er mit Freunden alle seine Manuskripte zusammen und schafft sie aus seiner Wohnung. Am nächsten Tag wird die Wohnung durchsucht. Für Brecht endet damit vorerst das Leben in der Großstadt, das er in dem Gedicht "Vom armen B. B." beschwört, und von dem eine Aufnahme mit Helene Weigel existiert.

Helene Weigel: Vom armen B.B.

Am 28. 2. beginnt eine mehrmonatige Odyssee. Zunächst brechen Brecht und Helene Weigel überstürzt nach Prag auf. Die zweieinhalbjährige Barbara bleibt bei dem Großvater in Augsburg, der achtjährige Stefan folgt den Eltern eine Woche später nach Prag. Im März ist die Familie Brecht-Weigel in Wien wieder vereint, wo Helenes Eltern ein Haus haben. Von dort reist Brecht ohne Helene Weigel in den Ort Carona im Tessin, in dessen Nähe Brechts Mitarbeiterin Margarete Steffin zur Kur ist. Die Kommunistin Steffin kennt Brecht seit 1931, als sie zusammen mit Helene Weigel in dem Stück "Die Mutter" Theater spielte.
Auch zu Steffin, die unter einer schweren Tuberkulose leidet, an der sie 1941 in der Sowjetunion sterben wird, hat Brecht eine Liebesbeziehung, so daß er die Abwesenheit seiner Frau in der Schweiz nicht sehr vermißt.
Von der Schweiz aus reist Brecht nach Frankreich. Während er in Paris mit Kurt Weill an neuen Projekten arbeitet, besucht Helene mit den Kindern die befreundete dänische Schriftstellerin Karin Michaëlis. Sie wohnen in "Torelore", einem der Häuser Michaëlis', das auf der Fünen vorgelagerten Insel Thurø liegt.

Brecht reist im Sommer ebenfalls nach Dänemark und faßt den für einen marxistischen Arbeiterautor, der von sich behauptet, „in der Asphaltstadt daheim zu sein“, erstaunlichen Beschluß, dort zu bleiben. Statt sich in die Zentren des intellektuellen Exils London, Paris oder nach Sanary-sur-Mer bei Toulon zu begeben, kauft er ein altes, verwildertes Bauernhaus am Ortsausgang der kleinen dänischen Stadt Svendborg und wird Nachbar der österreichischen Schriftstellerin Maria Lazar. Zu diesem Entschluß paßt hingegen, daß nicht Brechts politische Aktivität der Grund für die dänische Aufenthaltsgenehmigung ist, die er alle halbe Jahre erneuern muß, sondern daß er aufgrund der jüdischen Abstammung seiner Frau Bleiberecht erhält. Ihm wird die Ausländernummer 36316 zugeteilt und als Hausbesitzer bekommt er der die Zusicherung, daß seine Aufenthaltsgenehmigung über das halbe Jahr hinaus dauerhaft verlängert werden wird.
Als letztes Familienmitglied kommt schließlich auch die Tochter Barbara mit dem Dienstmädchen Marie nach. Marie Hold, die wie Brecht aus Augsburg stammt, war schon in Berlin Weigels Haushälterin und Brechts Reinmachefrau. In Dänemark verliebt sie sich bald in den Metzger des Ortes, der den Brechts regelmäßig das Fleisch nach Skovsbostrand rausfährt. Sie heiratet ihn und bleibt in Dänemark.
Brechts Entscheidung, sich in die Abgeschiedenheit Südfünens zurückzuziehen, steht in einer merkwürdigen Spannung zu seinen sonstigen politischen Aktivitäten, seinem agitatorischen Engagement und seinen Vorlieben, jedenfalls insofern sie literarischen Niederschlag gefunden haben. Der Autor vom "Im Dickicht der Städte" und des Berliner Revolutionsdramas "Trommeln in der Nacht" und der Lyriker, der in seinen Gedichten das Wuchern und die Wildheit der Großstadt besungen hat, zieht sich auf eine Insel zurück, abseits aller Metropolen, wohnt am Rand einer kleinen, gutbürgerlichen Hafenstadt.

Frederik Martner, der in den Jahren 1936 bis 1945 für die Zeitung "Fyns Socialdemokrat" schreibt und in den Jahren Brechts in Dänemark regelmäßig mit ihm arbeitet, erinnert sich an Brecht:

Brecht war mittelgroß und dünn, und er wirkte zerbrechlich. Das schmale, feingeschnittene Gesicht mit der langen, stark gekrümmten Nase war bleich, denn er kam fast nie aus dem Haus. Sein sehr dunkles, beinahe schwarzes Haar trug er sehr kurz.
Seine Kleidung bestand im allgemeinen aus einem dunkelgrünen Monteuranzug, aber wenn er ausging, zog er eine Lederjacke an und setzte eine flache Schirmmütze auf. Die Schirmmütze behielt er übrigens oft auf, auch drinnen. Seine Brille, die er oft auf die Stirn schob, bestand aus einem Paar schmalen, ovalen, stahlgefaßten Gläsern, wie sie vor hundert Jahren benutzt wurden. Das Gesicht wurde von dunklen Bartstoppeln beschattet. Es wunderte Brechts Freunde immer, ihn nie frischrasiert und auch nie wirklich bärtig zu sehen.
Er ging leicht gebeugt und hielt den Kopf etwas schräg. Sein Lächeln war verlegen, beinahe schüchtern. Nur wenn er künstlerische Fragen diskutierte, wirkte er ganz selbstsicher, ja herrisch. Konversationstalent besaß er nicht und mied so weit wie möglich gesellschaftlichen Umgang. Er wollte nur mit Menschen zusammensein, mit denen er diskutieren und Gedanken austauschen konnte. War es unumgänglich wegzugehen, kam er ganz gewöhnlich gekleidet, im Arbeitshemd, aber ohne Schlips und Monteuranzug, die flache Schirmmütze auf.

Nach einem Jahr auf Fünen, am 2. September 1934, beschreibt Brecht seinem Freund aus Berliner Tagen, dem Maler George Grosz, die Idylle, in die er geflohen ist:

Fünen wird der Garten Dänemarks genannt. So weit man blickt, ist alles grün, und, was wichtiger ist, die Leute haben gute Handelsverträge mit England. Die Obstbäume müssen mit Hölzern gestützt werden, und die Fischer stechen mit Lanzen in das Sundwasser und holen in einigen Stunden dutzende von Aalen heraus. Ich kann gut leben, habe einen 500 Seiten langen Roman geschrieben und, was wichtiger ist, ich habe einen guten Handelsvertrag mit einem holländischen Verlag. Dennoch plane ich fortwährend Schläge gegen die Verbrecher, die im Süden hausen, verstehst Du?

Die Ironie kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Brecht sich in Dänemark wohl fühlt - und das nicht, weil sich von hier besonders viel bewegen ließe, sondern weil der Sund einen schönen Anblick bietet, das Arbeitszimmer geräumig ist und das Leben mit seinen Kindern einem bürgerlichen Idyll gleicht.

Durch das Fenster, die zwölf Quadrate
Sehe ich einen knorrigen Birnbaum mit hängenden Zweigen
In einem unebenen Rasen, auf dem etwas Stroh liegt.
Er ist begrenzt durch einen Trakt aufgeworfener Erde
In die Büsche gepflanzt sind und niedere Bäume.
Hinter dieser Hecke, jetzt kahl im Winter
Läuft der Fußweg, begrenzt durch ein Gatter
Kniehoher und weißgestrichener Latten:
schon einen Meter hinter ihm
Steht ein kleines Haus mit zwei Fenstern im grünen Holzrahmen
Und einem Ziegeldach, das so hoch wie die Mauer ist.
Die Mauer ist sauber weißgetüncht, auch die paar Meter Mauer
Die das Haus nach der Seite verlängern,
nachträglich angebaut
Sind sauber weißgetüncht. So wie zur Linken, wo sie etwas zurücktritt
Ist eine grüne Holztür auch in dem Anbau
Und da auf der anderen Seite des Hauses der Sund anfängt
Dessen Wasserfläche nach rechts im Nebel liegt
Holzschuppen und Sträucher vor sich
Hat das kleine Haus wohl im ganzen drei Ausgänge.
Das ist gut für Bewohner, die gegen das Unrecht sind
Und von der Polizei geholt werden können.

Am Skovsbostrand 8, vier Kilometer von Svendborg entfernt, lebt Brecht mit seiner Familie bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges „unterm dänischen Strohdach“.
Von dem Vorschuß auf Brechts ersten, 500 Seiten starken Roman, den "Dreigroschenroman", wird das Haus bezahlt.

Ich brauchte damals in Dänemark Geld und habe vorher ein genaues Projekt gemacht, was muß ich schreiben, um möglichst viel Geld dafür zu bekommen.

Das Haus liegt in der zweiten Reihe am Sund, hat aber direkten Zugang zu einem Bootssteg und kostet 7000 Kronen, damals etwa 6000 Reichsmark. Das günstige Angebot hat seinen Preis: Das Haus ist nicht ausgebaut und nicht renoviert, zur einen Hälfte noch ein Kuhstall. Bis zum Winter 1933 dauert der Umbau des Hauses.
Es ist Helene Weigels unsentimentaler Tatkraft zuzuschreiben, daß die Familie wieder seßhaft wird, obwohl sie anfangs noch auf baldige Rückkehr nach Deutschland hofft. Sie hat das "Gesicht nach Süden gewandt" wie Brecht in einem Gedicht für Helene Weigel am Ende des dänischen Exils schreibt:

Der Unerschrockenen, die den
Unterstand baute mit dem Strohdach
das Gesicht nach Süden gewandt.
Der Freundlichen und Verständigen
Welche die Kinder zu Freundlichen
Machte und zu Verständigen
Der Warmherzigen

Manfred Gebhardt, der Chefredakteur der Zeitschrift "Das Magazin", begibt sich auf Brechts Spurensuche.

[Am Ende des Hauses] hatte Brecht sein Arbeitszimmer. Eine große Tischplatte, an der Wand befestigt, füllte die eine Seite des Hauses fast völlig. Er schrieb regelmäßig vom frühen Morgen bis gegen zwölf Uhr mittags, wenn man in Dänemark das Smörrebröd einnimmt, eine Art zweites, sehr gutes Frühstück. Danach diskutierte er mit Freunden, Flüchtlingen oder anderen Besuchern. Nach dem Abendessen zog er sich gewöhnlich in sein Zimmer zurück.
Für die Kinder war er ein guter Sonntagsvater, Helene Weigel war eine gute Alltagsmutter, erinnerte sich Tochter Barbara, als sie fast 40 Jahre später zum ersten Mal wieder nach Svendborg kam.

Den Freiraum für sein Schreiben erlangt Brecht durch völlige Abstinenz von häuslichen Pflichten, sieht man von gelegentlichen Reparaturen des Autos ab. Die Latrine wird jeden Morgen von Brechts Nachbarn Hansen geleert und in den kleinen Bach neben dem Grundstück gekippt. Frau Hansen kümmert sich um die Wäsche und Maria Hold, die nun mit dem Schlachter verheiratet ist und Ohm heißt, erledigt den Rest des Haushalts. So kann Brecht sich jeden Morgen an seinen Schreibtisch zurückziehen.

Brecht hielt nichts von Bohème-Schriftstellern, die nur nachts und nur mit Kognak schreiben können. Der Schriftsteller sollte sich ruhig morgens vom Milchmann wecken lassen, meinte er.
Auch unter den oft schwierigen Bedingungen des Exils arbeitete er exakt und regelmäßig. Er stand um sieben Uhr auf, machte sich in einer kleinen, kupfernen Kanne den Kaffee und begann zu arbeiten. Er liebte die frühen Morgenstunden, die ihm fünf Genüsse bescherten: "Erstens: das Luftschnappen am offenen Fenster; zweitens: das Gefühl des frischen, kalten Wassers im Gesicht; drittens: den ersten Schluck Kaffee; viertens: den ersten Zug aus der Morgenzigarre; fünftens: das frische Papier in der Schreibmaschine."

Aber die Produktivität in romantischer Abgeschiedenheit ist nur die eine Seite von Brechts Leben in Dänemark. Er reist viel, besucht die Kongresse der vertriebenen Schriftsteller und arbeitet an einer intellektuellen Phalanx gegen Hitler.
Im zweiten Jahr seines dänischen Exils wird Brecht die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und ihm droht die Gefahr, seinen Paß zu verlieren, was für die vielen Reiseunternehmungen, die Brecht von Svendborg aus unternimmt, schlimm gewesen wäre. Während seiner Zeit in Dänemark reist Brecht nach London, Moskau, Schweden, New York und nach Paris, wo der internationale Schriftstellerkongreß sich trifft. Die Rede, die Brecht auf dem vierten Kongreß hält, ist aufgezeichnet.

B. Brecht: Rede auf dem IV. Schriftstellerkongreß

Auch Skovsbostrand Nr. 8 wird während der sechs Jahre, die Brecht und Weigel dort leben, ein Ort der Zusammenkunft von Intellektuellen im Exil. Für die kleine Gruppe von Mitarbeiterinnen und Freunden in Dänemark ist Brechts Haus ein Sammelpunkt, für die entfernteren, die Flüchtlinge und Vertriebenen, ein Anziehungspunkt.
Aber Brechts Einsatz für eine einheitliche Front der Exilliteraten gegen das Hitlerregime ist nur teilweise der Grund für die vielen Besucher, die er zu sich nach Dänemark einlädt. Es ist auch sein starkes Verlangen nach Austausch und Nähe mit Freunden, das ihn Gleichgesinnte einladen läßt. Eine ganze Reihe von Briefen zeugt davon und vermittelt außerdem ein stimmungsvolles Bild des Lebens am Sund.
Den Politologen Karl Korsch will Brecht nach, wie er schreibt, „Dänisch-Sibirien" locken. Und als er 1935 Brechts Sommergast ist, schreibt Korsch auf Fünen seinen „Svendborger Marx“. Mit Korsch allerdings kommt auch die Überwachung der Bewohner des Hauses durch die Dänische Kriminalpolizei, weil der Berliner Professor der Spionage für die Nazis verdächtigt wird. Nach einer kurzen Zeit der Bespitzelung klärt sich der Irrtum auf und die dänischen Behördn lassen Brecht wieder in der Ruhe seines alten Obstgartens.
Der Nationalökonom Fritz Sternberg besucht Brecht mehrmals und auch sein Schulfreund Müllereisert kommt nach Dänemark.
An Kurt Kläber, dem Gründungsmitglied des Bundes proletarischer und revolutionärer Schriftsteller, der den Brechts in seinem Haus bei Lugano zuvor ebenfalls Asyl gewährte, schreibt Brecht:

[E]s wäre großartig, wenn Du tatsächlich anrolltest. Ich denke, daß Dir hier die Ruhe guttäte gesundheitlich, Du kämst sicher auch zum Arbeiten und liegen, gehen, lesen kann man hier besser als sonstwo.

Den Literaturkritiker und Korrespondenten der Frankfurter Zeitung, Bernhard von Brentano, fordert er sogar auf, nach Svendborg überzusiedeln:

Neben unserem Haus steht ein Haus mit etwa fünf Zimmern, das ungefähr 7-800 Kronen - 420-480 Mark - Jahresmiete kostet, allerdings möbellos ist.

Dem Schriftsteller Alfred Döblin berichtet er nach Paris:

Hier ist es nicht übel. Eben sehr billig. Und das Klima ist mild und besser als in Paris. Fünen ist der gesündeste und angenehmste Teil Dänemarks. Bücher beschafft einem die hiesige Bibliothek. Zeitungen und Radio halten einen auf dem Kriechenden. Der Sohn meiner Lenden (die getragene Redeweise kommt von dem bäuerlichen Milieu) besucht eine sehr gute dänische Schule.

Ganz ähnlich lautet sein Fazit in einem Brief an Walter Benjamin, in dem Skovsbostrand Paris vorgezogen wird:

Es ist hier angenehm. Gar nicht kalt, viel wärmer als in Paris. [...] Außerdem verschafft einem die Svendborger Bibliothek jedes Buch. - Wir haben Radio, Zeitungen, Spielkarten, bald Ihre Bücher, Öfen, kleine Kaffeehäuser, eine ungemein leichte Sprache, und die Welt geht hier stiller unter.

Und an George Grosz, der in New York lebt, schreibt Brecht:

Der Herr der Strohhütte an den Herrn der Wolkenkratzer
Gefährte glücklicherer Zeiten! Seit einigen Monaten haust Dein Freund in einem strohgedeckten, länglichen Haus auf einer Insel mit einem alten Radiokasten. [...] Vorüber sind die Zeiten der Asphaltliteratur. Die Gesellschaft zur Förderung gemäßigten Fortschritts innerhalb der Grenzen des Erlaubten hat sich aufgelöst, auch die Gesellschaft der Freunde des bewaffneten Aufstandes.
[...]
Der Sommer naht, das Wasser wird warm. Die Zeit Deiner jährlichen Europareise naht heran, Freund. Auf, betritt das Schiff! Die Pension hier kostet vier Kronen (zwei Mark vierzig). Ein kleiner Ford aus der Urzeit verschafft Bequemlichkeit. Nirgends sitzt du näher an der Heimat!

Aber Grosz antwortet:

No Bertie - nach dem lausigen, beschissenen Europa ziehts mich nicht zurück.

Schließlich besucht Grosz Brecht doch. Im Sommer 1935 quartiert er sich auf Langeland ein und leistet Brecht Gesellschaft beim abendlichen Tuborg-Bier-Trinken, wozu Brecht mit Vorliebe dänischen Käse ißt. Allerdings stößt er sich an Brechts politisch gewordener "Schreiberei", seinem Enthusiasmus für die UdSSR und frotzelt, daß Brecht "mit dem in die Stirn gekämmten Haar wie ein Chauffeur mit einem Schuß russischen Volkskommissar" aussieht. Die beiden Jugendfreunde finden nicht mehr die Gemeinsamkeit der Berliner Tage. Grosz gibt den Plan auf, zu Brechts Gedichten zu zeichnen.
Mit dem kommunistischen Schriftsteller Martin Andersen Nexö, bekannt durch seinen Roman „Pelle der Eroberer“, schließen Brecht und Weigel Freundschaft, werden von ihm besucht und übersetzen seine Lebenserinnerungen. Die Übersetzung allerdings dürfte Brecht im besten Fall auf Deutsch redigiert haben, denn in all den Jahren erlernt er das Dänische, das er in seinem Brief an Benjamin als "sehr leichte Sprache" bezeichnet, nur sehr holperig, vermeidet es zu reden, wo er kann, liest die Zeitungen nur mit Mühe und radebrecht einzig mit dem Kaufmann, dessen bester Zigarrenkunde er bald wird und bei dem er jeden Morgen zwei Gläser Schnaps trinkt.
Der Komponist Hanns Eisler, mit dem Brecht ein Leben lang zusammenarbeitet, besucht Brecht 1934. Brecht mietet für ihn ein Haus nur wenige hundert Meter von seinem entfernt und Eisler nutzt das nahe Wasser zum täglichen Schwimmen. Brecht hingegen steigt selten in den Sund.

O-Ton: Hanns Eisler singt Bert Brecht

Der wichtigste und häufigste Gast in Svendborg ist jedoch der Philosoph Walter Benjamin. Er kommt dreimal nach Dänemark und bleibt jeweils mehrere Monate.
Brecht und Benjamin kennen sich seit dem Mai 1929. Und vor allem Benjamin betont in Briefen immer wieder, wie wichtig die Freundschaft für ihn zu dem Schriftsteller ist. Aber sowohl ihr sachliches wie ihr persönliches Verhältnis ist nicht frei von Irritationen und Reibereien. Ende 1933, vor seinem ersten Besuch in Dänemark, schreibt Benjamin an Gretel Adorno:

Noch graut mir vor dem dänischen Winter, dem dortigen Angewiesensein auf einen Menschen, das sehr leicht eine Form der Einsamkeit werden kann, einer ganz unbekannten Sprache, die niederdrückend ist, wenn man für alle alltäglichen Verrichtungen selbst aufzukommen hat.

Und an Gerschom Scholem schreibt er wenig später:

Die Reise nach Dänemark schiebe ich nicht nur der Jahreszeit wegen auf. So nah ich Brecht befreundet bin, so hat doch das ausschließliche auf-ihn-angewiesen-sein, welches mir dort in Aussicht steht, seine Bedenken.

Diese Bedenken halten sich über die Jahre und während der Aufenthalte in Svendborg, der Diskussionen mit Brecht über literarische, politische und philosophische Fragen unter den alten Obstbäumen. Denn noch 1938 konkretisiert Benjamin, was ihn damals zögern ließ, Brecht zu besuchen.

Bei aller Freundschaft mit Brecht muß ich dafür sorgen, meine Arbeit in strenger Abgeschiedenheit durchzuführen. Sie enthält ganz bestimmte Momente, die für ihn nicht zu assimilieren sind. [...Aber Brecht] ist lange genug mit mir befreundet, um das zu wissen und ist einsichtig genug, es zu respektieren.

Die für Brecht nicht zu assimilierenden Momente in Benjamins Denken und Schreiben sind die philosophischen Tendenzen im Werk Benjamins, sowohl ästhetische Fragen mit theologischen, genauer jüdischen, wie mit marxistischen Theorien zu verbinden. So hält er Benjamins Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ für „eine ziemlich grauenhafte Adaptierung der materialistischen Geschichtsauffassung“ und bemerkt über diesen Essay an Kafka, daß er „dem jüdischen Faschismus Vorschub leiste“. Aber ihre Freundschaft überlebt selbst solch krasse Urteile. Und trotz aller Unterschiede teilen Brecht und Benjamin zwei Vorlieben, denen sie in Dänemark gemeinsam frönen: die zum Schach und die für amerikanische Trivialliteratur. Für beide Männer gilt, was Benjamin in der ersten erhaltenen Notiz an Brecht schreibt: „Wir sind weiß Gott zu isoliert als daß wir uns mit unsern Gegnern verfeinden dürften.“ Brecht gedenkt dem Freund nach seinem Freitod auf der Flucht vor den Nazis im Spanischen Port Bou mit einer Szene aus der Svendborger Zeit, das seine eigene, gegnerische Position in politischen Fragen noch einmal zum Ausdruck bringt und doch von echter Verbundenheit zeugt.

An Walter Benjamin
Der sich auf der Flucht vor Hitler entleibte

Ermattungstaktik war's, was dir behagte
Am Schachtisch sitzend in des Birnbaums Schatten
Der Feind, der dich von deinen Büchern jagte
Läßt sich von unsereinem nicht ermatten.

Im Gegensatz zum abstrakt philosophierenden Benjamin ist bei Brecht immer die pragmatische Haltung des politisch engagierten Schriftstellers auszumachen. Und darüber hinaus die des fast defätistischen Geschäftsmanns, wie er ihn in der Figur des Jonathan Peachum in der "Dreigroschenoper" schildert.
Von Peachums "Lied von der Unzulänglichkeit" existiert eine Aufnahme, auf der es Brecht selbst vorträgt.

Brecht: Lied von der Unzulänglichkeit

Nun lebt Brecht in seiner dänischen Variante vom angenehmen Leben, das die Ganoven in seiner Dreigroschenoper preisen. Fünen ist reich und wird das Butterfaß Dänemarks genannt. Und Brecht liebt es und verachtet es gleichzeitig.

Das schlimmste an den Inseln, die zu klein sind, ist, daß eigentlich nichts fehlt, alles ist vorhanden, aber in schrecklich kleinen Proportionen, hier existiert nichts, womit man es messen kann, weil das Maß selbst zu klein ist. Ein Berg, der in Jütland liegt, heißt Himmelberg. Er ist 200 Meter hoch.

Persönliche Kontakte sind bei Brecht kein Selbstzweck. Er braucht das Gespräch und den Umgang mit Menschen als Motivation und Ideengenerator. Freundschaften sind bei ihm immer auch Arbeitsbeziehungen - und umgekehrt. Diese totale Synthese von Intimität und Öffentlichkeit prägen auch die sechs Jahre im Haus am Skovsbostrand. Denn das Haus am Sund ist nicht allein wegen der Debatten und des geistigen Austausches berühmt. Es wird auch zum Schmelztiegel der Brechtschen Arbeitsverhältnisse. Und die sind für ihn immer auch Liebesverhältnisse. Neben Helene Weigel sind seine Mitarbeiterinnen vor allen Dingen Margarete Steffin und seit 1935 Ruth Berlau, die seine Stücke auch ins Dänische übersetzt.

Schon in Torelore auf Thurø hat Brecht Ruth Berlau kennengelernt. Sie ist siebenundzwanzig, Schauspielerin und gilt als enfant terrible der kulturellen Szene Dänemarks, ist Mitglied der KPD und steht gleichzeitig als Ehefrau des Arztes Robert Lund einem bürgerlichen Haushalt vor. In ihren Lebenserinnerungen schreibt sie über ihr erstes Treffen mit Brecht:

Als wir uns zum ersten Mal sahen, gab er mir zwar seine Hand, trat aber gleichtzeitig einen Schritt zurück. Dieses Kunststück macht dem Brecht so leicht keiner nach. Abstand, um Gottes willen Abstand! Nicht nur in seiner Regie forderte er Abstand, sondern auch privat.[...] Er hatte einen blauen Arbeitsanzug mit vielen Taschen an und trug einen schwarzen Ledergürtel. Er war sehr schlank und hatte schöne Schultern, die gerade in eine Hand hinein paßten.

Von den Liebesbeziehungen wissend und miteinander den Alltag teilend, leben die drei Frauen Weigel, Berlau, Steffin auf engem Raum miteinander. Helene Weigel klettert jeden Abend auf den Dachboden des Hauses, wo sie ihr Bett hat, während Brecht im Erdgeschoß schläft - oder bei Ruth Berlau. Die trennt sich von ihrem Mann und zieht in die unmittelbare Nähe von Brechts Haus, nur eine halbe Straße weiter. Selbst für die zwei Minuten Fußweg zu ihrem Haus nimmt Brecht sein Auto, einen alten Ford T.
Margarete Steffin wohnt ebenfalls nur 500 Meter vom Skovsbostand Nr. 8 entfernt in der Pension "Stella Maris". Und vor allen Dingen die Hilfe der sprachbegabten Steffin wird für Brechts literarische Arbeit während des dänischen Exils immer bedeutsamer. Das erste große Projekt in Dänemark, an dem Steffin als Korrekturleserin maßgeblichen Anteil hat, ist die Fertigstellung des "Dreigroschenromans", den Brecht, der sonst alles direkt in die Schreibmaschine tippt, ihr diktiert. Ruth Berlau vermittelt eine Übersetzung ins Dänische, die im Hasselbach-Verlag erscheint. An den Illustrator Storm Petersen, der den Umschlag für die dänische Ausgabe des Dreigroschenromans zeichnen soll, schreibt Brecht:

Der Roman soll in seiner dänischen Ausgabe "Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm" heißen. Dies, denke ich, müßte der dänischen Mentalität im allgemeinen liegen.

Der dänische Titel ist ein Zitat aus der "Ballade vom angenehmen Leben" des Maceath in der Dreigroschenoper.

Song: Ballade vom angenehmen Leben

Brecht beschreibt die Mitarbeit von Margarete Steffin an dem Roman und den "Svendborger Gedichten" in dem Gedicht "Die gute Genossin M. S.“:

Zu euch kam ich als Lehrer, und als Lehrer
Hätte ich von euch gehen können. Da ich aber lernte
Blieb ich. Denn auch später
Fliehend unter das dänische Strohdach
Ging ich doch nicht von euch.
Und eine von euch
Habt ihr mir mitgegeben.

Daß sie prüfe
Alles, was ich sage; daß sie verbessere
Jede Zeile von nun an
Geschult in der Schule der Kämpfer
Gegen die Unterdrückung.

Seitdem unterstützt sie mich -
Schwacher Gesundheit, aber
Fröhlichen Geistes, unbestechlich
Auch von mir. Oftmals
Streiche ich lachend selbst eine Zeile durch, schon ahnend
Was sie darüber sagen würde.
[...]

Brechts Verhältnis zu seinen Frauen war keineswegs nur platonisch.
An eine Diskussion zwischen Brecht und Peter Hacks knüpft sich die Anekdote, daß Hacks Sonette für unzeitgemäß hält und Brecht ihm antwortet, er schreibe viele Sonette. Hacks entgegnet: "Meines Wissens aber nur zu parodistischen Zwecken!" und Brecht antwortet: "Auch zu pornographischen!" In der Tat lassen die Sonette, die Brecht über seine Beziehung zu Grete Steffin schreibt, an Drastik nichts zu wünschen übrig. Hier ist ein weniger anzügliches, das das Wort, um das es geht, gnädig verschweigt:

Das dritte Sonett

Als ich schon dachte, daß wir einig wären
Gebrauchte ich, fast ohne drauf zu achten
Die Wörter, welche meinten, was wir machten
Und zwar die allergemeinsten, ganz vulgären.

Da war's, als ob von neuem du erschrakst
Als sähst du jetzt erst, was das, was wir machten, sei
In vielen Wochen, die du bei mir lagst
Lehrt ich von diesen Wörtern kaum dir zwei.

Mit solchen Wörtern rufe ich den Schrecken
Von einst zurück, als ich dich frisch begattet.
Es läßt sich länger nunmehr nicht verdecken:
Das Allerletzte hast du da gestattet!
Wie konntest du dich nur in so was schicken!
Das Wort, für das, was du da tatst, war:

Im Unterschied zu Brechts früheren pornographischen Gedichten ist hier noch immer eine wirkliche Liebesbeziehung der Boden jener Gewohnheiten, die Brecht beschreibt.
Wie die Liebe zu Steffin in die Sonette, so geht die Beziehung zur "Roten Ruth", wie Ruth Berlau genannt wurde, in viele Passagen des philosophischen Textes "Me-ti" ein. In dieser Abhandlung versucht Brecht unter anderem, die Dialektik, mit der der Marxismus die Besitzverhältnisse analysiert, auf die Liebesverhältnisse zu übertragen. Berlau wird in dem Text Lai-tu genannt, Mi-en leh ist nach Brechts Abkürzungen das Synonym für Lenin und Me-ti die Maske, durch die Brecht selbst spricht.

Me-ti sagte, daß das Verhältnis zwischen zwei Menschen gut sei, wenn da eine dritte Sache vorliege, der das Interesse beider gelte.... Was Me-ti sich Gutes erwartete, wenn zwei Hände, etwa von Mann und Frau, sich bei einer gemeinsamen Arbeit, beim Eimertragen, berühren... das erwartet sich Mi-en leh für junge Völker, wenn sich ihre Hände beim Treiben des Rades der Geschichte berühren.

Obzwar es manche Eifersuchtsdramen gab, war Brecht nie gezwungen, sein Verhältnis zu einer der drei Frauen aufzugeben.
Tatsächlich arbeiten Brecht und die drei Frauen als Team - allerdings immer unter dem Namen Brechts. Und Ruth Berlau empfindet die Diskrepanz in dem sonst so emanzipierten Verhältnis zu Brecht deutlich, erlebt sie jedoch als eigenes Versagen. Als Me-ti antwortet ihr Brecht:

Me-ti sagte ihr: Es ist richtig, du hast noch keine Ware geliefert. Aber das bedeutet nicht, daß du noch keine Leistung geliefert hast. Deine Güte wird festgestellt und gewürdigt, indem sie in Anspruch genommen wird. So erwirbt der Apfel seinen Ruhm, indem er gegessen wird.

Auch wenn die neuere Forschung viele Belege dafür erbracht hat, daß Brecht die Frauen an seiner Seite sowohl liebte, als sich auch für sie und ihre Arbeiten einsetzte, so ist es vor allen Dingen sein Ruhm, der steigt. Und Ruth Berlau zerbricht schließlich an den Brechtschen Liebesverhältnissen. Er hingegen konstatiert nüchtern:

Ich bin jetzt 36 Jahre alt und habe diese Jahre nicht müßig verbracht; das kann ich sagen, wenn ich weniger meiner Leistungen und mehr meiner Mühen gedenke und wenn ich für manches zur Entschuldigung anführe, daß ich in einer Zeit lebe, wo man nicht nur leicht seine Zeit vergeudet, sondern auch um solche bestohlen wird. Ich habe nicht für mich gelebt, sondern in großer Öffentlichkeit, denn seit meinem 21. Lebensjahre bin ich durch literarische Werke und manche Unternehmungen, die damit zusammenhängen, bekannt geworden. [...] Ich habe vorteilhafte Verträge abgeschlossen, die mir ein meinen Wünschen entsprechendes Leben ermöglichten, ich besitze Häuser, einen Wagen, ich unterhalte eine Familie, beschäftige Sekretäre, und das, obwohl der Charakter meiner Arbeit ein eher marktfremder genannt werden muß.

Brechts Jahre in Dänemark sind sehr produktiv. Die bekanntesten Arbeiten aus der Zeit am Sund sind die Stücke "Die Gewehre der Frau Carrar", "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe" und "Furcht und Elend des Dritten Reiches", an dem Steffin maßgeblichen Anteil hat. Außerdem entstehen viele Prosaskizzen, Essays, Gedichte, sowie der Roman "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar". Am Ende der Zeit in Dänemark beginnt Brecht mit der Arbeit am "Leben des Galilei", gleichzeitig fängt er an, eine Art Tagebuch zu schreiben, in dem persönliche Ansichten mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln, Arbeitsberichten und Stimmungsbildern zu einer großen Collage verwoben sind.

Am 23. 4. 1939 reist Brecht auf Einladung des "Reichsförderbundes für Amateurtheater" nach Stockholm. Helene Weigel begleitet ihn. Die Kinder ziehen mit Margarete Steffin für kurze Zeit nach Kopenhagen und folgen zusammen mit Ruth Berlau einige Tage später nach Schweden. Eine Rückkehr nach Svendborg hat die Familie nicht mehr vor.
Anfang April schreibt Brecht in einem Brief an den schwedischen Schriftsteller Henry Peters Matthis:

Nach Ostern breche ich meinen Aufenthalt in Fünen endgültig ab. Ich habe mein kleines Haus zum Verkauf ausgeschrieben, die Formalitäten sind natürlich zeitraubend. Dann ist das Packen der Bücher und Möbel und die Papiere für die Kinder müssen in Ordnung kommen.

Es ist eine Flucht vor der agressiven Außenpolitik des Deutschen Reiches. Der Zweite Weltkrieg steht unmittelbar bevor. Einen Monat nach der Ausreise aus Dänemark schließt das Land einen erzwungenen Nichtangriffspakt mit Deutschland. Brecht schreibt darüber in seinen "Flüchtlingsgesprächen":

Als der zweite Weltkrieg ausgebrochen ist, sind [die Dänen] erwartungsvoll herumgestanden, bis auf den letzten Knopf abgerüstet. Sie haben immer betont: Wir sind zu schwach, um uns zu verteidigen, wir müssen unsere Schweine verkaufen. [...Sie] haben gesagt, sie sind ganz sicher vor den Deutschen, denn wenn die Deutschen Dänemark besetzten, würden sie bald dort keine Schweine mehr kaufen können. [...]

Und in dem Einakter "Dansen" über die Kollaboration Dänemarks mit dem Nazideutschland, formuliert der Däne seinen Kampfgeist gegen Hitler entschieden unentschieden:

Wir müssen die allerenergischsten Maßnahmen erwägen. - Nein, nicht wagen, ich sagte erwägen! - Einig sein: ja, aber nicht bewaffnen.- Worin einig? Daß wir uns nicht bewaffnen! Das würde ihm doch nur auffallen, und ich habe alles getan, um ihm nicht aufzufallen. - Ich sagte doch, wir müssen einig sein. Die Einigkeit muß sogar eisern sein und sich gegen niemanden richten. Gegen niemanden! Dann kann es nicht auffallen.

Am 9.4.1940, also etwa ein Jahr nach Brechts erneutem Aufbruch, besetzt die Wehrmacht Dänemark. Damit ist auch das schwedische Exil zu unsicher geworden. Brecht reist über Finnland und die Sowjetunion in die USA. 1949 kommt er wieder nach Deutschland und zieht nach Ost-Berlin.
In Amerika widmet Brecht seinem dänischen Haus ein Gedicht, aus dem eine Mischung aus privatester Sehnsucht nach dem Ort, der einmal Heimat war, und politischer Attitüde spricht:

Sag, Haus, das zwischen Sund und Birnbaum steht:
Hat, den der Flüchtling einst dir eingemauert,
Der alte Satz DIE WAHRHEIT IST KONKRET
Der Bombenpläne Anfall überdauert?

Der Satz ist ein Leninzitat. Margerete Steffin schneidet ihn aus Kartonpappe, malt die Buchstaben schwarz an und heftet sie an den Deckenbalken von Brechts Arbeitszimmer. Das Haus am Skovsbostrand wird von den Nazis nicht behelligt. Dennoch überlebt Brechts Arbeitsmotto den Verkauf des Hauses nicht. Der dänische Nachbesitzer entfernt ihn. In den 80iger Jahren kauft die Stadt Svendborg das Haus vom letzten privaten Besitzer, dem Bildhauer Knud Knudsen.

O-Ton: Søren Lind, Brecht-Haus-Vorstand
(über das Dänische zu sprechen:)
Warum kaufte Svendborg Kommune das Haus? Das hat verschiedene Gründe. Zum einen arbeitete die Svendborger Werft eng mit den großen Werften auf der anderen Seite der Ostsee in der ehemaligen DDR zusammen. Und man suchte eine andere Form der Partnerschaft. Dann ist Brecht natürlich auch in Dänemark noch immer ein bekannter und anerkannter Schriftsteller. Oft gespielt, viel gelesen. Und man wollte ihm eine Art Denkmal dort setzen, wo er in Dänemark gelebt hat.

Mit Hilfe von Geldern aus der DDR soll das Haus zunächst einem Brechtmuseum umgebaut werden. Aber nach dem Zusammenbruch der DDR fehlt es an den Mitteln zur Realisierung der Pläne. Im Svendborger Stadtrat streitet man sich, ob man einen sozialistischen Dichter ehren soll und erwägt einen erneuten Verkauf des Hauses. Schließlich einigt man sich darauf, das Haus als Arbeitsdomizil für Künstler und Kulturschaffende einzurichten und kostenlos zur Verfügung zu stellen.
Nachdem langem Leerstand, wurde das Haus renoviert, möbliert und 1996 sogar sein Strohdach erneuert. Sein alter Charme ist wieder hergestellt, wenn nicht überboten. Der Fußboden aus Holz und rotem Stein ist gereinigt, "den Sund herunter kommen die Fähren/ Das Haus hat vier Türen, daraus zu fliehen“. Tatsächlich tuckern die Fähren zu den benachbarten Inseln Ærø, Drejø und Skarø noch immer vorbei, Fensterrahemen und Türen sind grün gestrichen. Man findet das Steinbecken an der Nebentür, in dem Helene Weigel die verderblichen Milchprodukte kaltstellte, weil es keinen Kühlschrank gab. Die alten Kastanien stehen noch im Garten, der Bach wird nicht mehr als Latrine benutzt, das Reetdach ist erneuert, der Birnenbaum, unter dem Benjamin mit Brecht Schach spielte und "Das Kapital" las, ist gestutzt, der Kirschbaum gefällt, Hansens Haus direkt am Sund nun gelb gestrichen und doppelt so groß. Aber wie damals, als Stefan und Barbara Brecht mit den Nachbarkindern aufwuchsen und spielten, wohnen auch heute Kinder dort.
Gegenüber Frederik Martner äußerte Brecht:

Es fällt mir schwer, in ausländischen Großstädten zu arbeiten. Aber hier, wo ich wohne, ist es schön, und es erinnert mich an die Gegend meiner Heimat bei Augsburg in Bayern.

Solche schwärmerischen, unironischen Töne muß man im Werk Brechts sonst suchen. Die Bayrische Landschaft, der Svendborger Sund. Beides verwies für Brecht aufeinander, obwohl die Gegenden kaum gegensätzlicher sein können. Der Grund für das Glück im dänischen Exil ist kein objektiver, sondern ein subjektiver. Brecht war im Haus am Sund glücklich, weil er den romantischen Zustand seiner Jugend dort wiederholen konnte und in seinen Kindern gespiegelt sah. Noch einmal konnte man in Seen schwimmen und in Bäumen klettern. Und dieses kindliche Glück erklärt möglicherweise besser als jede dialektische literaturwissenschaftliche Interpretation den nicht zu unterdrückenden Ton privater, häuslicher Geborgenheit in Brechts Svendborger Gedichten.

Über dem Sund hängt Regengewölke, aber den Garten
Vergoldet noch die Sonne. Die Birnbäume
Haben grüne Blätter und noch keine Blüten, die Kirschbäume hingegen
Blüten und noch keine Blätter. Die weißen Dolden
Scheinen aus dürren Ästen zu sprießen.
Über das gekräuselte Sundwasser
Läuft ein kleines Boot mit geflicktem Segel.
In das Gezwitscher der Stare
Mischt sich der ferne Donner
Der manövrierenden Schiffsgeschütze
Des Dritten Reiches.

In den Weiden am Sund
Ruft in diesen Frühjahrsnächten oft das Käuzlein.
Nach dem Aberglauben der Bauern
Setzt das Käuzlein die Menschen davon in Kenntnis
Daß sie nicht lang leben. Mich
Der ich weiß, daß ich die Wahrheit gesagt habe
Über die Herrschenden, braucht der Totenvogel davon nicht erst in Kenntnis zu setzen.

Brecht: Die Moritat von Macy Messer, Ende