Eigentlich könnte alles so einfach sein: Die 19-jährige Edda lebt auf der Nordseeinsel Föhr. Dort hat sie alles, was sie liebt: das Meer mit Wind und Wellen zum Surfen – und Jasper. Doch Edda gehört nicht zu den Menschen, die es sich einfach machen. Kurz vor den Abiturprüfungen packt sie ihre Sachen und haut ab. Sie trampt nach Berlin. Ohne Jasper und mitten hinein in die linke Szene, die sich gegen Globalisierung, soziale Ungerechtigkeiten und den geplanten G8-Gipfel engagiert. Wenn es sein muss, auch mit Gewalt.
Eddas neue Freunde haben eine Bombe gebastelt, die sie in einem Gully verstecken und beim Eintreffen der Staatsoberhäupter in Bad Doberan zünden wollen. Die Lage droht jedoch bereits vorher zu eskalieren, als während einer Demonstration ein Mädchen von einer Polizeikugel tödlich getroffen wird. Da steht Jasper plötzlich vor Edda. Ein halbes Jahr lang haben sie sich nicht gesehen…
„Was mache ich als 18-Jähriger mit meinem Leben, welche Verantwortung habe ich für die Gesellschaft, für die Welt, für die Umstände, in der die Menschen leben, in welcher Form von Protest kann ich für ein freies Leben kämpfen?“, hat Robert Habeck, seit 2004 Landesvorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein, in einem Interview zu beschreiben versucht, was ihn und seine Frau Andrea Paluch beim Schreiben beschäftigt hat. Das erfolgreiche Autorenduo – ihr zuvor erschienenes Jugendbuch „Zwei Wege in den Sommer“(Sauerländer 2006) wurde von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007 nominiert – lässt zunächst die unkonventionelle, nach Antworten suchende Edda aus der Ich-Perspektive erzählen, später dann den misstrauischen, freiheitsliebenden Jasper, der auf Autoritäten geradezu allergisch reagiert. So fängt es das Lebensgefühl einer ganzen Generation sehr authentisch und mit all seinen Widersprüchen ein, die Zerrissenheit zwischen der Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen und dem Wunsch nach Freiheit und Individualität.
„Unter dem Gully liegt das Meer“ ist politischer Roman und zartbittere Liebesgeschichte in einem. Im Mai 2007, kurz vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm erschienen, dokumentiert es das Erwachen eines neuen, politischen Engagements unter Jugendlichen. Ein anspruchsvolles Buch für politisch interessierte Heranwachsende, die – wie Edda und Jasper – auf der Suche nach sich selbst sind. Polarisierend, intensiv, zuweilen sogar drastisch, vor allem aber sehr, sehr spannend.
Andrea Duphorn
aus: "weiterfliegen. Empfehlenswerte Kinder- und Jugendbücher", einem Projekt der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich (ehemals Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann der Stadt Zürich) und des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM).