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Über das Erzählen zwischen den Elementen

Nachwort für die Ausgabe „Der Schimmelreiter“, Fischer tb 15982, Frankfurt/M 2003

Von Andrea Paluch und Robert Habeck

Der Gezeitenzyklus an der Nordsee dauert 12 Stunden, so die Faustregel. In dieser Zeit läuft das Wasser einmal auf und wieder ab. Tatsächlich aber ist der sechs Stunden Takt von Ebbe und Flut einer Verschiebung von etwa 25 Minuten unterworfen, so dass mit dem Wasser nicht zu einer festen Tageszeit gerechnet werden kann, sondern sein Höchststand permanent neu ermittelt werden muss. Das metrische System der Stundenzählung ist nicht das passende für die verlässliche Unregelmäßigkeit der Natur.
Ebbe und Flut entstehen durch das Zusammenspiel zweier gegenläufiger Kräfte, die durch die Rotation der Erde hervorgerufene Zentrifugalkraft und die Anziehungskraft des Mondes. Mond und Schwerpunkt der Erde sind die Pole, zwischen denen das Meer hin und her gerissen ist. In dieses periodische Wechselspiel hat der Mensch einen Strich gezogen, den die Flut nicht überschreiten soll, die Deichlinie, die die gesamte Schleswig-Holsteinische Westküste bis weit in den Norden Dänemarks einfasst, mit einer einzigen kleinen Unterbrechung nördlich von Husum, in unmittelbarer Nähe der Schauplätze des „Schimmelreiters“. Jahrhunderte lang war diese Grenze umkämpft, wurde vom Meer geschleift und vom Mensch weit ins Watt vorgeschoben. Von diesem Kampf zwischen Mensch und Meer handelt auch Theodor Storms „Der Schimmelreiter“.
Wie die Gezeitenschwingung lässt sich die gesamte Novelle in ihrer literarischen Bewegung als konfliktreiches Pendeln deuten, das jede interpretatorische Grenzziehung immer wieder überspült.

Der junge Deichgraf Hauke Haien tritt an, mit neuer Technik und mathematischer Berechnung die Natur zu verdinglichen und in ihre Schranken zu weisen. Seine Begründung für das neue Deichprojekt ist doppelgleisig. Zum einen geht es um verbesserten Schutz der Küstenbewohner, zum anderen um den Profit, den der neue Koog abzuwerfen verspricht.
Die Epoche, in die die Niederschrift des Schimmelreiters fällt, ist die Gründerzeit des neuen Deutschen Reiches, der Kapitalismus blüht, die technische Entwicklung ist rasant und das Vertrauen in Fortschritt und Machbarkeit dominant. Diese gründerzeitlichen Wesenszüge sind deutlich bei Hauke Haien zu erkennen.
Die Binnenhandlung des Schimmelreiters ist in die „Mitte des vorigen Jahrhunderts“ verlegt, also zum Höhepunkt der Frühaufklärung um 1750, jener Epoche, von der Vernunftglaube und Zweckrationalität ihren Ausgangspunkt nahmen. Eingespannt zwischen die Kraftfelder einer sowohl erhabenen wie brachialen Natur und dem Verfügbarkeitsanspruch des aufgeklärten Menschen, sich die Welt nach seinen Bedürfnissen dienstbar zu machen, ist Hauke Haiens Charakter janusköpfig. Vordergründig ist er ein Vertreter dieses aufgeklärten, technikgläubigen Menschentypus, aber auf der anderen Seite sind in ihm auch dunkle und triebhafte Verhaltenszüge angelegt. So frönt er dem grausamen Hobby, im Watt mit Steinen auf Vögel zu werfen und sie zu töten, nur um sie danach an einen Kater zu verfüttern, dem er schließlich ebenfalls das Genick bricht. Die Trennlinie zwischen nützlichem Tun und dunkler Machtgier verschwimmt, die instinktgeleitete Natur und der an festen Grundsätzen orientierte Glaube an Machbarkeit lassen sich nicht voneinander abgrenzen, wenn Hauke die Dorfbewohner zu seinem Deichprojekt zwingt.
Wie die Gezeitendrift ist auch Haukes Charakter nicht symmetrisch, sondern verschiebt sich im Widerstreit der Kräftefelder.
Parallel dazu steht der Schimmel, jenes gespenstische Pferd, nicht allein für die teuflische und böse Seite eines Paktes. Der mephistophelische Handel, den Hauke scheinbar mit dem Kauf des Pferdes abschließt, versagt. So wie schon die Motivation für den Pferdekauf unklar ist, so vernachlässigt Hauke gerade, nachdem er im Besitz des Schimmels ist, seine ehrgeizigen Pläne und strebt nicht wie gewohnt unermüdlich nach Perfektion. Er repariert die spätere Bruchstelle nicht. Eine menschliche Schwäche, nicht Absolutheitswahn führen in die Katastrophe. Somit verkörpert der Schimmel eher die emotionale Seite Hauke Haiens, die er zuvor dem Deichprojekt geopfert hat und jetzt wieder zulässt. Die Grenze zwischen teuflischem Pferd und Metapher für das Unbewusste seines Reiters löst sich auf.

Die Novelle beginnt mit einem kunstvoll gefügten doppelten erzählerischen Rahmen, der die Binnenhandlung einfasst. Innerhalb der Innenrahmenhandlung necken die Deichmänner den Schulmeister damit, dass er nur „in seiner Weise und nicht so richtig“ erzähle, wie es die Haushälterin Antje Vollmers getan hätte. Der Schulmeister reagiert auf diesen Vergleich grantig und kommentiert ihn am Ende der Novelle noch einmal sarkastisch: „Das ist die Geschichte von Hauke Haien, wie ich sie nach bestem Wissen nur berichten konnte. Freilich, die Wirtschafterin unseres Deichgrafen würde sie ihnen anders erzählt haben [...]“. Da der Lehrer-Erzähler als ernsthaft und gebildet beschreiben wird, kann man annehmen, dass Antje Vollmers Variante eher dem abergläubischen Volksmund entsprochen hätte, möglicherweise hätte sie die Geschichte nicht nur anders, sondern eine komplett andere Geschichte erzählt. Nun ist es das Verdienst von Storm, dass wir die Geschichte der Antje Vollmers nicht zu lesen brauchen, um sie zu kennen. Storm hat in seinem knappen Text ein Universum von Verweisen gewoben, die die Geschichte komplex und vieldeutig gestalten. Da wird von jener pietistischen Sekte berichtet und von Haukes Hass gegen sie, von Trina Jans‘ Sohn- und Haukes Mutterlosigkeit und es wird erzählt, dass Hauke neun Jahre an seinem Deich arbeitet und die Familie ebenso lange kinderlos bleibt.
Viele Tatsachen im Schimmelreiter werden zu Informationen, indem sie verschwiegen werden. Bei Antje Vollmers Erzählung wäre ihnen möglicherweise jedoch eine ganz andere Relevanz zugekommen. Unerwähnt bleiben die Mütter von Elke wie von Hauke, das genaue Krankheitsbild der kleinen Wienke, Hauke Haiens Tochter, und schließlich der Grund, der Elke Haien am Ende bewegt, zu ihrem Mann an den Deich und in den Tod zu fahren.
Erwähnt wird hingegen, dass Elke einen verkrüppelten Arm hat, ihr Vater und Haukes Vater beide Tede heißen und dass die schweren Sturmfluten Allerheiligen bzw. Allerseelen kommen, jenen Festen zwischen Sommer und Winter, an dem die Lebenden die Toten aufsuchen, den Märtyrern gedenken.
„Enthalten Sie sich selbst aller Reflexion und erzählen Sie knapp und auf das Notwendigste beschränkt, was die Leute tun und reden, schildern sie nicht die Gefühle, sondern lassen sie diese aus dem Tun und Leben derselben dem Leser deutlich werden“, schreibt Storm in einem Brief und fasst damit seine Theorie des epischen Erzählens zusammen. Es geht ihm mit anderen Worten darum, eine Grenze zu finden, die durchlässig ist für jene bewegenden, unsichtbaren, anziehenden und abstoßenden Kräfte, die auf eine abgelegene Bedeutung verweisen.

Das Watt ist inzwischen Nationalpark, es gibt keine neuen Eindeichungen mehr, die Grenze zwischen Wasser und Land liegt fest – dachte man. Denn nun ist es das Wasser, dass durch die Erderwärmung droht, anzusteigen und die Deiche zu nehmen. An der Westküste Schleswig-Holsteins werden die Deiche wieder erhöht, worüber man nicht gern redet, käme es doch dem Eingeständnis gleich, dass die technische Verdinglichung der Natur sie immer unberechenbarer werden lässt. Freunde macht man sich durch die Baumaßnahmen so wenig wie Hauke unter den Bauern, denn da das Watt, aus Sicht der Betroffenen tausende Quadratkilometer nasser Sand, nun unter Naturschutz steht, nimmt man das Land binnendeichs, also besten, fruchtbaren Marschboden, der einst dem Meer abgetrotzt, dann mühsam entwässert und entsalzt wurde, um ihn nun dem Meer erneut zu opfern. Es braucht ihn sich noch nicht einmal zu holen.