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Besprechung im Hessischen Rundfunk, 2004

"Der Schrei der Hyänen" entführt in ein Stück deutsche Geschichte, über die wenig bekannt ist, auch wenn dieses Jahr anlässlich des 100. Jahrestages der Herero-Aufstandes von 1904 ausnahmsweise einmal mehr zu erfahren ist als sonst üblich.

Robert Habeck: “Das Thema Namibia bzw. der Krieg der Hereros gegen die deutsche Kolonialmacht hat uns eigentlich schon lange beschäftigt. Ich würde sagen, wenn es nicht ein bisschen übertrieben ist, seit der Schule ist das ein bisschen im Hinterkopf geblieben. Das Thema hat uns lange beschäftigt, weil wir immer gedacht haben und das gefunden haben, dass der Genozid an den Hereros in der gegenwärtigen deutschen Literatur nicht wirklich ausgearbeitet wurde und so dachten wir, dass wir da eine Lücke schließen sollten.“

Das ist dem schleswig-holsteinischen Autorenehepaar Andrea Paluch und Robert Habeck mit ihrem neuen Roman ‚Der Schrei der Hyänen’ auch tatsächlich gelungen.

Nur dreißig Jahre, von 1885 bis 1915 währte der koloniale Traum des Kaiserreichs in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dann kapitulierten die deutschen Schutztruppen im 1. Weltkrieg vor den Engländern und die Kolonie kam unter die Verwaltung Südafrikas. Erschienen damals eine ganze Reihe Romane, Reiseberichte, Tagebücher über das Leben in der Kolonie, wurde das Thema nach Ende des Zweiten Weltkrieges nur noch selten literarisch aufgegriffen.

Einmal hat sich Uwe Timm mit seinem Roman ‚Morenga’ kritisch-aufsässig auf eine faszinierende Zeitreise in die Jahre der Kolonialisierung zurückbegeben, zum anderen hat Gerhard Seyfried letztes Jahr den Hererokrieg aus Sicht eines deutschen Soldaten beschrieben.

"Vierfrauenfamiliengeschichte"
Nun also haben Andrea Paluch und Robert Habeck die vergessene Geschichte erkundet. Allerdings wählten sie einen ganz anderen Ansatz als ihre Vorstreiter: ihr Roman spielt heute und damals. Er spannt sich über vier Frauengenerationen.

1901 trifft das junge Dienstmädchen Arabella in Deutsch-Südwestafrika ein. Sie ist eine von Hunderten junger Frauen, die die Deutsche Kolonialgesellschaft mit dem Versprechen auf Lohn und Brot in das Land gelockt hat und in der Hoffnung, sie alsbald unter die Haube zu bekommen, denn vor Ort herrscht ein eklatanter Frauenmangel. Die Kolonie aber braucht Bauernfamilien und weißen Nachwuchs zur Besiedlung des Landes. Arabella findet denn auch rasch einen Mann, doch der erweist sich schon bald als gewalttätiger, rassistischer Ehegatte. Als sich die Hereros erheben und die Farm überfallen, wird er erschlagen, Arabella jedoch von den Aufständischen verschleppt. Sie überlebt den Krieg, heiratet einen Adligen.

Parallel dazu wird die Geschichte ihrer Tochter Nele erzählt, die nach Ende des Aufstandes in Deutsch-Südwestafrika geboren wird. Als die Kolonie in Südafrikas Hände über geht, kehrt sie nach Deutschland zurück, wächst in Hamburg mit allen Privilegien einer adligen Kaufmannsfamilie auf, macht Karriere als Senatorin, wird eine einflussreiche Figur der Politik.

Ihr größtes Drama ist ihre Tochter Kriemhild, die nach der Geburt eines schwarzen Mädchens den Verstand verliert, weil sie sich keines Seitensprungs mit einem Schwarzen schuldig gemacht hat. Die Tochter Cosima wird zur Adoption freigegeben. Ihre Geschichte ist die vierte, die der Roman vorstellt. Inzwischen erwachsen, selbst Mutter einer Tochter, kommt Cosima ihrer Herkunft auf die Spur und entdeckt ein großes Familiengeheimnis.

Andrea Paluch: "Die Idee dieser Vierfrauenfamiliengeschichte besteht darin, dass die eigentlich nichts voneinander wissen, also nicht wissen, dass sie untereinander verwandt sind, und diese ganze Herkunfts- und Abstammungsgeschichte unterbrochen ist und dann gibt es diese Merkwürdigkeit, dass drei Generationen, nachdem eine der Frauen in Deutsch-Südwest oder jetzt Namibia gelebt hat, ein schwarzes Kind in Deutschland zur Welt kommt.“

Robert Habeck: “Womit die Parallele eigentlich geschlossen ist zu der thematischen Handlung. Also es geht in dem Roman, wenn man die Geschichte mal beiseite lässt, vor allem darum, dass ideologische Begriffe und zwar damit meinen wir alle Begriffe, die eine Vollständigkeit des Wertes beanspruchen wie Familie, Abstammung, Vaterland, Rasse, Volk etc. immer einen Widerspruch in sich tragen, sich immer abgrenzen müssen, aber Teile dieser Abgrenzung immer in sich tragen und das wird eben auch erzählerisch eingelöst durch das Hereinkommen des Fremden in die eigene Familie und die Begründung dafür, dass dieses Kind schwarz geboren wird, ist in der Geschichte zu suchen, die in Namibia also in Deutsch-Südwest während des Hererokrieges spielt.“

Ein Autorenduo, dessen Romane mündlich entstehen
Dadurch dass die vier Frauengeschichten parallel nebeneinander her laufen, bekommt der Roman eine immer größere Dichte und Dramatik. Die Enthüllungen der wahren Hintergründe, des schwarzen Geheimnisses kulminieren schließlich in einer Explosion, in einem Feuersturm.
Andrea Paluch und Robert Habeck haben bewusst eine Frauensaga gewählt. Zum einen spielen sie damit auf die weibliche Erbfolge-Tradition der Hereros an, bei denen die Söhne der Königinnen die nächsten Häuptlinge werden, zum anderen wollten sie jegliche Soldatenromantik vermeiden, wie sie sich vor allem in der Kolonialliteratur des Zwanziger Jahre finden lässt. Das ist ihnen gelungen.

Ihre Frauenfiguren überzeugen und tragen den Roman. Sie sind in sich stimmig und höchst lebendig und das ist nicht zuletzt ein Resultat des ungewöhnlichen Entstehungsprozesses des Romans. Einmal abgesehen davon, dass es in der Literaturgeschichte nur sehr wenige Autorenpaare gibt, unterscheiden sich Andrea Paluch und Robert Habeck von diesen auch noch dadurch, das sie wirklich jedes Wort, jede Zeile des Buches gemeinsam schreiben. Geübt haben die beiden studierten Anglisten diese Form der Zusammenarbeit bei gemeinsamen Übersetzungen englischer Gedichte. Da haben sie sich zusammengerauft.

Andrea Paluch: “Beim Roman müssen wir uns erst mal unterhalten, was wir machen wollen, also die Handlungsstruktur festlegen, wenn’s geht auch eine Art Spannungsbogen, wie der errichtet wird, die Figuren, wie die charakterisiert sein sollen, Dialogfetzen, Metaphern. Alles, was uns einfällt, sammeln wir mündlich, schreiben es auf Karteikarten, ordnen es an und haben dann eine Art Setzkasten für eine Geschichte und diese Geschichte wird dann sehr grob und einfach ohne stilistische Ansprüche in einen Fließtext gebracht. Das kann jeder von uns machen, alleine am Computer einfach grobe Sätze machen, dass man am Ende einen Stapel hat mit einem Fliesstext, den man dann bearbeiten kann und dann ist es wie bei der Lyrikübersetzung, man liest sich das vor und ändert jedes Wort.

Robert Habeck: “Die Pointe ist und das ist vermutlich auch etwas Besonderes, dass die Romane mündlich entstehen. Wer schreibt, ist eigentlich die falsche Frage, weil das machen wir abwechselnd, aber das ist nur die Vorstufe, sondern sie entstehen mündlich und das hat auch Effekte auf unsere Art, also keiner von uns würde so schreiben, wie die Romane jetzt entstehen. Es entsteht im Grunde etwas Drittes und ich glaube, dass die Mündlichkeit der Texterstellung auch zu einer angenehmen Lesbarkeit des Buches führt.“

Und damit wären wir bei einer letzten Parallele zum Thema angekommen: die Hereros kannten keine schriftliche Überlieferung. Sie gaben ihre Geschichte in Form von Geschichten von Generation zu Generation weiter. Gute Geschichtenerzähler waren hoch angesehen. In Andrea Paluch und Robert Habeck haben sie würdige Nachfolger gefunden.

Vorgestellt von Johannes Kaiser