WortSpiel im DLRB am 13.April 2004/19.05-20.00 Uhr
Afrikanische Schatten -
Deutsche Kolonialgeschichte in der Literatur
Feature von Johannes Kaiser
[…]
Erzähler
Eine andere Variante, die Zeit zu überbrücken, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen, der Gefahr allzu großer Parteilichkeit zu entgehen sowie das Fremde mit aufzunehmen, hat das Autorenehepaar Andrea Paluch und Robert Habeck in seinem jetzt veröffentlichten Roman ‚Der Schrei der Hyänen ’ gewählt. Allein schon dadurch, das sie vier Frauen in den Mittelpunkt ihrer sich über ein ganzes Jahrhundert erstreckenden Familiensaga stellen, entgehen die Autoren der Gefahr, den Feldzug aus der Perspektive des Soldaten schildern zu müssen und damit in den Jargon der Landser zu verfallen.
Ihre erste Protagonistin ist das junge Dienstmädchen Arabella, eine von Hunderten von Frauen, die die deutsche Kolonialbehörde mit dem Versprechen guter Arbeit und baldiger Heirat in die Kolonie lockte. Auch Arabella findet einen Gatten und zieht mit ihm auf eine Farm. Doch schon bald bereut sie ihre Entscheidung, denn ihr Mann ist ein grober Klotz, aufbrausend, gewalttätig, untreu. Als der Aufstand losbricht, wird die Farm überfallen, ihr Mann umgebracht, sie selbst verschleppt. Dabei verliebt sich Arabella in Assa, einen der Anführer der Hereros und gerät in massive Loyalitätskonflikte. Andrea Paluch und Robert Habeck haben sich hier als Vorbild eine historische Figur gewählt. Das Problem war nur,
TAKE 15: O-Ton Robert Habeck
“wenn man das Leben der Hereros beschreibt als Weißer und 100 Jahre später, dass man immer vor dem Dilemma steht, entweder die Schwarzen als naive Naturvölker zu beschreiben oder im Rousseauschen Sinne zu stilisieren als edle Wilde, also zwei Klischees und beide sind vermutlich nicht richtig, so dass wir uns dann parallel zu dem zeitlichen Sprung die Welt der schwarzen Hereros als Parallelwelt zu der Welt der Weißen entworfen haben. Er agiert auch wie ein Held, hat viele Züge von dem, was man von einem Helden erwartet, aber seine Motivation, das ist parallel gestaltet zu dem Rassismus der Deutschen, also Assa ist derjenige, der - also das ist jetzt unser Roman und nicht historische Wirklichkeit -, der nicht die deutschen Siedler nur vertreiben will, um das Land zurückzuholen, sondern der von einem Krieg der Schwarzen gegen die Weißen redet, also einen Rassenkrieg will. Assa ist Spiegel der deutschen Aggressivität und Aggression da, und was einfach übrigbleibt, ist, dass vermutlich die Hereros nicht nur Opfer oder Täter waren, sondern einfach eigene strategische Interessen auch verfolgt haben, die aber historisch überhaupt nicht erforscht sind und vielleicht nie zu erforschen sind, weil es keine Schriftkultur gibt und die orale Tradition auch fast versiegt ist.“
Erzähler
Als Arabella schließlich von deutschen Schutztrupplern befreit wird, ist sie keineswegs erleichtert. Doch die Hereros sind besiegt, ihr Mann ist tot. Ihre einzige Chance: sie willigt in die Heirat mit einem adligen Offizier ein, der sie seit langem begehrt.
Parallel zu Arabellas Erlebnissen erzählen die beiden Autoren die Geschichte ihrer Tochter Nele, die zwar noch in Deutsch- Südwestafrika geboren wird, aber nach dem Verlust der Kolonie 1915 nach Deutschland zurückkehrt, in der Hamburger Adelsfamilie ihres Vaters aufwächst, politisch Karriere macht und sich im Nachkriegsdeutschland zu einer mächtigen Figur in der Hansestadt emporschwingt.
Ihr Glück wird nur getrübt durch ihre Tochter Kriemhild, die ein schwarzes Kind auf die Welt bringt, obwohl sie ihren weißen Ehemann nie betrogen hat. Das Kind wird ihr sofort weggenommen und zur Adoption freigegeben. Kriemhild selbst versinkt in einer Wahnwelt, kommt in die Psychiatrie. Ihre Geschichte ist der dritte Erzählstrang des Buches. Der vierte greift das Schicksal des schwarzen Kindes, einer Tochter namens Cosima auf. Sie ist inzwischen selbst Mutter eines wiederum weißen Kindes geworden und führt ein relativ glückliches Familienleben mit einem Paläontologen, der in Namibia mit Kollegen archäologische Artefakte ausgräbt. Die Idylle wird massiv gestört, als Nele plötzlich auftaucht und Cosima zu ihrer Enkelin und Erbin erklärt. Cosima versteht die Welt nicht mehr.
Andrea Paluchs und Robert Habecks Roman, dessen Geheimnisse sich erst am Ende lüften, ist aber mehr als nur eine spannende Familiensaga:
TAKE 16: O-Ton Andrea Paluch
“Also die Idee dieser Vierfrauenfamiliengeschichte besteht darin, dass die eigentlich nichts voneinander wissen, also nicht wissen, dass sie untereinander verwandt sind, und diese ganze Herkunfts- und Abstammungsgeschichte unterbrochen ist, und dann gibt es diese Merkwürdigkeit, dass drei Generationen, nachdem eine der Frauen in Deutsch-Südwest oder jetzt Namibia gelebt hat, ein schwarzes Kind in Deutschland zur Welt kommt.“
O-Ton Robert Habeck
“Womit die Parallele eigentlich geschlossen ist zu der thematischen Handlung. Also es geht in dem Roman, wenn man die Geschichte mal beiseite lässt, vor allem darum, dass ideologische Begriffe -und zwar damit meinen wir alle Begriffe, die eine Vollständigkeit des Wertes beanspruchen wie Familie, Abstammung, Vaterland, Rasse, Volk etc.- immer einen Widerspruch in sich tragen, sich immer abgrenzen müssen, aber Teile dieser Abgrenzung immer in sich tragen ,und das wird eben auch erzählerisch eingelöst durch das Hereinkommen des Fremden in die eigene Familie und die Begründung dafür, dass dieses Kind schwarz geboren wird, ist in der Geschichte zu suchen, die in Namibia also in Deutsch-Südwest während des Hererokrieges spielt.“
Erzähler
Dadurch, dass die vier Frauengeschichten parallel nebeneinander her laufen, bekommt der Roman eine immer größere Dichte und Dramatik. Die Enthüllungen der wahren Hintergründe, des schwarzen Geheimnisses kulminieren schließlich in einer Explosion, in einem Feuersturm.
Andrea Paluch und Robert Habeck haben bewusst Frauen in den Mittelpunkt ihres Romans gestellt, da sie damit auch darauf anspielen wollten,
TAKE 17: O-Ton Andrea Paluch
“dass die Erbfolge der Hereros eine weibliche Erbfolge war, also nicht wie die europäischen Königsdynastien der Sohn des Königs der nächste Hererohäuptling oder -chief wurde, sondern das ist immer der Sohn der Königin. Also der Hererokapitän war immer ein Mann, aber die Erblinie, die lief immer über die Mutter und das ist ja für Romanschreiber erst mal das Einstiegstor zum Thema Seitensprung, Ehebruch etc. Die europäischen Werte werden da erst mal auf den Kopf gestellt und das haben wir aufgegriffen über’s Romanganze dieser 100 Jahre, und deswegen mussten es Frauen sein.“