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Bericht über seine Erzähler

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe nichts gegen das Buch von Andrea und Robert. Ich und die anderen sind es gewohnt, dass über uns Geschichten erzählt werden. Theodor Storm hing ganze Nachmittage bei uns rum, zertrampelte uns die Saat und nervte uns mit seinem Gequatsche über subjektiv und objektiv. Eine Novelle ist kein Roman, denn ein Roman ist subjektiv und nicht objektiv, während eine Novelle das Gegenteil ist. Und er wollte alles anders machen. Ich bin der Meinung, ein Buch muss spannend sein, sonst hänge ich mich nach zwölf Stunden auf dem Acker lieber vor die Glotze. Das Buch von Theo, wie die meisten ihn nannten – er war ja schon nach zwei Grog duhn und dann mussten wir ihn alle duzen und uns seine Gedichte anhören – ist ganz okay. Aber es ist nicht so gut, wie alle behaupten. Dass keiner gemerkt hat, dass Theos Geschichte hinten und vorn nicht zusammen passt, kann ich gar nicht glauben. Mussten da erst Robert und Andrea kommen? Deren Buch geht wenigstens auf. Und ich muss zugeben, ich habe es in einer Nacht gelesen. Aber es geht nicht an, dass sie nun tun, als hätten sie die einzige und wahre Wahrheit über Hauke Haiens Tod erkannt. Und deshalb habe ich mich mit den anderen getroffen und ein paar Richtigstellungen geschrieben. Warum sollen immer wir diejenigen sein, über die man redet. Hier also ein paar Wahrheiten über die Wahrheit über „Hauke Haiens Tod“. Wir müssen es schließlich wissen. Wir waren dabei, als Robert und Andrea dieses Buch geschrieben haben.

Was mich ziemlich gewundert hat, ist die Beschreibung von meinem Haus. Sie ist ein Mischmasch aus dem, was Theo sagt, und aus einem Strohdach in Dänemark. In dem wohnte 1933-38 Bert Brecht (nie gelesen). Als Andrea und Robert dort einzogen, war das Skript noch so was von roh. Ich würde sagen, Blut troff aus den Ecken. Außerdem war es ungefähr doppelt so dick. Alles war haarklein beschrieben. Sogar was wir fühlten und dachten. Nur die Beschreibung meines Hauses war viel knapper. Und dann haben die Erzähler das Brecht-Haus gesehen und es schamlos verwurstet. Mein Haus kann zum Beispiel kein verrottetes Strohdach haben, denn schon der alte Haien ersetzte das Reet durch Blechplatten. Zugegeben ist Stroh schöner und romantischer, aber ich weigere mich, unter dem Dach eines Kommunisten zu leben. Linke kommen mir nicht in die Bude!
Nachdem das Skript abgehangen war, konnten wir alle freier atmen. Keiner von uns musste mehr etwas denken oder sich erinnern und die Erzähler ließen uns auch mit unseren eigenen Gefühlen in Ruhe. Und Ruhe brauchten wir dringend. Jede Mittagspause, wenn die Kinder schliefen – Andrea war im vierten Monat mit Zwillingen schwanger, als die erste Fassung des Romans entstand – raubten sie uns die Mittagspause und lasen sich ihren Text vor. Erst der eine, dann die andere, dann strichen sie alles durch und dann versuchten sie es mündlich besser zu machen. Wir konnten uns selbst schon nicht mehr hören.

Ich persönlich kann mit Gedichten nichts anfangen, allein subjektiv meine ich, um es mal mit Theo zu sagen. So was geht mir völlig ab. Pappe sieht das anders. In dieser Hinsicht ist er wie der alte Storm. Kommt in den „Dicken Fritz“ und vergällt einem das Bier mit seinen Gefühlsduseleien. Obwohl das noch lange kein Grund ist, ihn umzubringen. Ich schätze, da haben unsere Erzähler ein lupenreines Eigentor geschossen. Immerhin war er der einzige von uns, der sich wirklich für die ganze Geschichte interessierte. Er war den Erzählern auch ganz wohl gesonnen. Er besorgte sich sogar deren Lyrik-Übersetzungen, weil er untersuchen wollte, wie die beiden zusammen arbeiten. Dafür hätte ich keine Nerven gehabt, weil ich ja mit Gedichten nichts anfangen kann. Aber er begleitete sie unverdrossen auf jenem Spaziergang, als die erste Kontur der Geschichte entstand und die beiden sich auf Stil, Arbeitsweise und Konstellationen einigten. „Sie arbeiten beide sehr unterschiedlich – aber sie kennen ihre Eigenheiten und Vorlieben aus dem FF. Deshalb könnte es klappen“, berichtete Pappe, als wir uns das erste Mal trafen, um zu überlegen, ob das Dorf sich dem ganzen Projekt geschlossen verweigern sollte. Es gab Streit wie auf den Dorfversammlungen früher mit Haien. Ich war für Boykott. Pappe wollte den Erzählern eine Chance geben, weil das gut fürs Image war. Das zieht hier im Dorf immer. In den nächsten drei Monaten legten sie die Handlung auf Karteikarten fest. Und ich denke, seitdem muss Pappe gewusst haben, dass er am Ende stirbt. Verrückte Vorstellung, seinem eigenen Tod beizuwohnen. Und das mit dem Image ging auch in die Hose. Jetzt bleibt nur noch Iris, die vom Figuren-Ensemble ein bisschen Ahnung von Literatur hat.

Sie liest ja wie bescheuert – angeblich. Iven hat sie mir nie vorgestellt. Ich kenne sie nur aus dem Text. Womit ich endlich bei dem bin, was ich eigentlich sagen wollte. Es ist Ivens Text. Zwar tun Andrea und Robert so, als ob sie neutrale Erzähler wären, aber tatsächlich gehen sie immer wieder Iven aufs Glatteis. Ich habe nichts gegen Iven persönlich. Is‘n‘ netter Kerl und kann auch zupacken. Aber er ist ein Verlierer. Und ich schätze, als die beiden Autoren bei ihm anklopften, hat er Mogenluft gewittert – einmal nicht nur Arschloch sein. Ich mein, wer sagt denn, dass Pappe nicht recht hatte mit der Behauptung, Iven wolle sich durch Wienke bereichern? Und auch wenn er sich nun mit seinem Suff rausredet – immerhin war Iven der einzige, der den Schimmel auf Jevershallig gesehen hat. Was ist, wenn Trina Jans tatsächlich Haukes Mutter war? Hätte sie ihren Sohn in den Tod gejagt? Und warum wohl sprang das Auto von Elke Haien nachts auf dem Deich nicht an? Iven kannte sich mit Autos aus. Ann Grethe nicht. Was ich sagen will ist nur, dass man nichts genaues weiß. Es gab eine Sturmflut. Der Deich brach. Elke und Hauke sind ertrunken. Der Rest ist erstunken und erlogen. Aber spannend.