Interview mit dem Spiegel, Heft 35, 2008
Herr Habeck, Sie haben jüngst auf eine Kandidatur um den Bundesvorsitz Ihrer Partei verzichtet. Warum?
Ich will mich nicht zugunsten der Grünen von meiner Familie trennen müssen. Die Zugverbindung nach Berlin ist miserabel und ein Umzug für einen unsicheren Job hat der Familienrat abgelehnt. Dahinter lugt die Haltung hervor: Geteiltes Glück ist wichtiger als Karriere.
Herr Habeck, Ihr neues Buch „Verwirrte Väter – Wann ist der Mann ein Mann?“ beschreibt, dass es nicht nur für Frauen schwer ist, Kinder und Karriere zu vereinbaren. Warum klagen jetzt auch die Männer?
Das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für Männer überhaupt noch nicht anerkannt. Dabei sind die Väter von heute Spielball von widersprüchlichen Herausforderungen. Einerseits wollen sie sich nicht nur am Wochenende um ihre Kinder kümmern, andererseits sehen sie sich in der traditionellen Verantwortung ihre Familie zu ernähren.
Woher kommt dieser Konflikt?
Der Staat hinkt der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher. . Erste Reformen wie Elternzeit und -geld verschärfen eher das Problem. Unflexible Arbeitszeiten und eine deutlich schlechtere Bezahlung von Frauen zementieren die klassische Rollenaufteilung. So werden Männer gezwungen, vernünftige ökonomische Entscheidungen zu treffen, die aber dem widersprechen, was sie sich für ihr Leben vorstellen.
Was wollen die Männer denn?
Niemand möchte ständig zu Hause sein und sich um die Kinder kümmern, weder Frauen noch Männer. Andererseits nimmt man beruflichen Erfolg eher achselzuckend hin. Die wenigsten wollen richtig Geld scheffeln, nur um sagen zu können, dass sie es im Leben zu etwas gebracht haben. Sie wollen mit ihrem Leben im Reinen sein, denke ich.
Woran liegt es dann, dass Männer sich zwar mehr um ihre Kinder kümmern wollen, doch wenn sie Väter geworden sind laut Statistik sogar mehr arbeiten als vorher?
Materiell Absicherung sein ist für Familien so wichtig, dass ihr sogar das persönliche Glück wird. Über die Bildung der Kinder entscheidet der Kontostand der Eltern, die Mittelschicht in Deutschland zerbröselt, Jobs sind auch für gut Ausgebildete unsicher. Daher gibt es diesen starken Druck Geld ranzuschaffen.
Was unterscheidet die neuen Väter von heute von den neuen Vätern vor 20 Jahren?
Die alten neuen Väter waren die Latzhose tragenden Hausmänner, die besseren Frauen. Die neo-neuen Väter haben diesen androgynen Gedanken nicht mehr. Sie sind sozusagen Machos mit Kinderwagen. Ich nenn es aufgeklärte Männlichkeit. Aber das ganz Neue an ihnen ist der gewisse Verzichtgedanke, die Art alles gelassener anzugehen und weniger auf Karriere und Kohle zu gucken. Die Lebenseinstellung der Männer hat sich zwar geändert, sie wollen emanzipierter leben. Doch die soziale und politische Wirklichkeit ermöglicht es ihnen nicht.