Neue Bücher über die alten Schwierigkeiten des Vater-Seins
Süddeutsche Zeitung, 01.10.2008, von Alex Rühle
Schaut man sich die Verlagsprospekte dieser Tage an, dann können einem die Väter nur leidtun. Wer nur irgend schreiben kann, versucht sich am Väterthema, verspricht Orientierung oder jongliert mit den verschiedenen Rollen. Vladimir Kaminer gibt in seinem neuen possierlichen Erzählungsband den überfordert-gutmütigen Papa, einen ungeschickten Doofi, den man einfach gernhaben soll; Christian Ankowitsch kupfert ziemlich schamlos ein amerikanisches Erfolgsbuch ab, in dem Papas beigebracht wird, wie sie die besseren Pfadfinder werden, mit Zaubertricks, Knotenschule und Listen der besten Kinderfilme. Und mit "Hilfe wir sind schwanger. Das Kopfkissenbuch für werdende Väter" gibt es nun endlich auch das Buch für den co-schwangeren Mann. Auch auf die Bühne wird der Vater allerorten gezerrt. Mirko Borscht lässt in "Opferpopp" einen Vater ans Kreuz schlagen, die "Elenden Väter" aus Tom Peuckerts gleichnamigem Stück fragen ratlos: "Was ist aus diesem Geschlecht geworden?". Und in Franz Wittenbrinks "Vatertag" sitzen vereinzelte Väter ihre melancholische Ratlosigkeit aus. Soll man nun strenge Autoritätsperson sein? Oder Raufkumpel? Muss man kochen können? Und wie kriegt man Beruf und Familie unter einen Hut?
Gleichstellung sieht anders aus
Auf diese Frage versucht der Politiker Robert Habeck sich in seinem Buch zu beschränken. Habeck ist Landesvorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein. Als man ihn im vergangenen Jahr in den Bundesvorstand wählen wollte, lehnte er mit dem Argument ab, er könne doch nicht erst Kinder zeugen und sich dann aus dem Staub machen. Dieses Bekenntnis zur Vaterschaft gibt dem Autor eine Art street credibility. Habeck ist Vater von vier Jungen und schreibt mit seiner Frau Andrea Paluch zusammen Romane und Kinderbücher. In "Verwirrte Väter oder: Wann ist ein Mann ein Mann", schreibt er nun alleine über die schmerzhaften Probleme von Männern, Kind und Beruf zu vereinbaren.
Habeck sieht die Väter in dem verzweifelten Bemühen, eine immer drückender werdende Doppelbelastung irgendwie auszutarieren: Der Job setzt Allverfügbarkeit und Flexibilität voraus; die Männer aber sollen heute mehr sein als Erzeuger und Ernährer (und erleben so verspätet, was die Frauen seit den Siebzigern umtreibt). Habeck zitiert Wassilios Fthenakis, Direktor des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik, der in mehreren Studien nachwies, "dass bei der absoluten Mehrzahl der Väter die soziale Komponente der Vaterschaft deutlich an Bedeutung gewonnen hat".
Warum aber wird es dann schon als Erfolg gefeiert, wenn gerade mal 1,6 Prozent der Männer die zweimonatige Leyen-Vaterschaft antreten? "Gleichstellung", so Habecks lakonischer Kommentar, "Gleichstellung sieht anders aus." Scharf geißelt er das deutsche Steuer- und Sozialsystem, das mit seinem Ehegattensplitting und der gemeinsamen Versicherung noch immer an die Paarbindung und die Bedarfsgemeinschaften gekoppelt ist und die Familien geradezu zur althergebrachten Rollenverteilung zwinge. Hier nun wird es spannend: Heißt es oft, die Männer würden nach der Geburt des Kindes doch nur deshalb mehr arbeiten, weil sie sich drücken wollen, kehrt Habeck den Spieß um. Dass junge Väter dem beruflichen Fortkommen oftmals einen höheren Stellenwert einräumen als vor der Geburt des Kindes, hat seines Erachtens nichts mit Karrierismus oder Egoismus zu tun. Es seien nicht so sehr die Männer, die vor der neuen Verantwortung ins Büro flüchten; vielmehr würden die Frauen ihnen stillschweigend die Ernährerrolle antragen. Das ist erfrischend unkorrekt argumentiert für einen Grünenpolitiker. Und wenn er den Unternehmern ins Stammbuch schreibt, dass sie endlich im 21. Jahrhundert ankommen und flexiblere Arbeitsmodelle anbieten sollen, möchte man das Buch gleich den eigenen Chefredakteuren anempfehlen.
Was die Ausführungen dann auf die Dauer ein wenig anstrengend macht, ist der narzisstische Revoluzzergestus, mit dem Habeck seine Thesen vorbringt, so als sei er der weltweit Erste, der endlich mal dieses heiße Eisen anfasse.