1. Literarische Erörterung
Zeigen Sie, wie Theodor Storm in seiner Novelle „Der Schimmelreiter“ die Rolle der Natur gestaltet. Verdeutlichen Sie, inwieweit er dabei Vertreter seiner Epoche ist.
2. Vergleich
Untersuchen Sie, wie die Autoren Andrea Paluch und Robert Habeck in ihrem Roman „Hauke Haiens Tod“ die Rolle der Natur gestalten und vergleichen Sie dabei die Schreibweise dieser Autoren mit der von Theodor Storm.
Erläuterung der unterrichtlichen Voraussetzungen
Die SchülerInnen haben an den Leistungskursen 12/1 „Das Individuum im Spannungsfeld zwischen Ideal und Wirklichkeit“, 12/2 „Individuum und Gesellschaft“ und 13/1 „Weltentwürfe“ teilgenommen und dabei u. a. Kenntnisse über die Leistungen der Textsorten,
deren formale Zuordnung, die poetischen Mittel, den Verweischarakter literarischer Sprache und über die politische und geschichtliche Dimension von Texten gewonnen.
Epochenwissen wurde u.a. erworben in 12/1 bei der Interpretation von Gedichten aus der Epoche der Romantik, in 12/2 bei der Lektüre von Storms „Schimmelreiter“, in 13/1 bei der Lektüre des modernen Romans „Hauke Haiens Tod“ von Paluch und Habeck und dem sich daran anschließenden Briefwechsel mit den Autoren.
Beschreibung der erwarteten Schülerleistungen
Beim 1. Arbeitsauftrag ist zunächst aufzuzeigen, wie Storm Naturbilder entwirft, die die Handlung in einen wirklichkeitsnah geschilderten Raum stellen, die dabei als Stimmungsträger und als Kommentar zur Handlung dienen und oft den Charakter der Vorausdeutung bis hin zum Leitmotiv haben. Das kann u.a. gezeigt werden
am Beispiel des Meeres: Das Meer wird als latente immerwährende Bedrohung des Menschen, als Sinnbild natürlicher Kraft geschildert, dem der Mensch den Deich entgegensetzt als Sinnbild menschlicher Geistes- und Körperkraft. Der Kampf um die Grenze, vom Meer geschleift, vom Menschen weit ins Watt vorgeschoben, ist ein Thema der Handlung.
an der Symbolik von Licht und Schatten, von Sonne und Mond. Sie sind nicht nur Kulisse, sondern wichtiger Bestandteil des Lebens der Küstenbewohner, da sie nicht zuletzt durch Ebbe und Flut das Leben der Menschen prägen. Die Gezeitenschwingung versinnbildlicht das konfliktreiche Pendeln der Handlung. Der Mond ist nicht der liebliche goldfarbene Mond der Romantik, sondern der fahle, weiße Mondschein, oft nur der spitze halbe Mond, der die Dinge in einem unwirklichen, bedrohlichen Licht erscheinen lässt, während das Sonnenlicht oft betont als Beleuchtung der (nächtlichen) Verwüstung eingesetzt wird, aber auch als Element der Hoffnung und Versöhnung nach der konfliktreichen Zeit des Deichbaus. Der Sonnenuntergang wird wiederholt eingesetzt als Symbol für die zwar von Gefahr und Untergang bedrohte, aber im Augenblick alles vergoldende Zweisamkeit der Liebenden.
an der Symbolik von Wind und Wolken: Damit wird oft das Auf und Ab von Haukes Kampf geschildert, die Unruhe und Spannung der Novelle versinnbildlicht, die sich in der Sturmflutnacht zum Chaos steigern: „dunkelbraune Wolken jagten überhin und Schatten und trübes Licht flogen auf der Erde durcheinander“.
am Beispiel der Tiere: Oft genannt sind die Krähen als dämonischer Unheilsbringer und die Möwen als Tiergestalt verstorbener menschlicher Seelen. Der (gewaltsame) Tod von Tieren ist wiederholt Vorbote von Unglück und Tod. Die Tötung des Kater und der Möwen und die Rettung des Hundes werfen ein Licht auf Haukes Selbstherrlichkeit.
am Beispiel von Pflanzen, z. B. der mächtigen Esche am Haus auf der Warft des Deichgrafen, die bei entscheidenden Stellen der Novelle erwähnt wird und die als Symbol für Beständigkeit und Zukunft gilt, die aber auch in der entscheidenden Sturmnacht knarrt, „als ob sie auseinander stürzen solle“. Die wechselnden Menschengeschlechter, die sie überdauert, die Vergänglichkeit menschlichen Lebens stehen im Gegensatz zur Beständigkeit der Natur.
Weiter wird erwartet, dass die SchülerInnen die Merkmale des poetischen Realismus aufzeigen können in der genauen, also nicht gefühlsbetonten Skizzierung von Naturbildern, in naturwissenschaftlichen Erklärungen von Naturschauspielen wie den nächtlichen Vögeln über den Eisspalten, in der Erzählung von Krankheit und Sterben, die allerdings das Hässliche ausspart oder nur andeutet und Bilder von faszinierender Dichte entwirft durch den Gebrauch von Alliterationen, Vergleichen und sorgfältiger, differenzierter Wortwahl. Schließlich kann hier auch das Bemühen um das von Menschen Machbare gegenüber der Natur dargestellt werden, um neue Erfindungen wie ein verbessertes Deichprofil im Kampf gegen das Meer, was Aufbruchsstimmung und Fortschrittsglauben der Gründerzeit aufgreift.
Es wird erwartet, dass zentrale Stellen durch Zitate aus dem Text belegt werden.
Beim 2. Arbeitsauftrag sollen die SchülerInnen zunächst zeigen, dass bei Andrea Paluch und Robert Habeck die Rolle der Natur bis in die aufgegriffenen Motive hinein ähnlich und doch auch entscheidend anders zu sehen ist. Auch hier ist Innerlichkeit in äußere Naturansichten verlagert worden, aber die Bedrohung durch die Naturgewalten, das Ausgeliefertsein tritt zurück hinter der Bedrohung durch die Mit-Menschen, bis dahin, dass der Mensch auch die Natur bedroht. Der Tenor des Romans, dass der Mensch verantwortlich ist für seinen Mit-Menschen und so Leben eröffnet wird, kann ebenfalls in der Rolle, die Natur einnimmt, an folgenden Beispielen verdeutlicht werden:
Das Meer steht ähnlich wie bei Storm für die Gefährdung des Menschen bei nichtrealistischer Einschätzung seiner natürlichen Gegebenheiten, wobei die todbringende Gefahr ursächlich als vom Menschen ausgehend gestaltet wird. Gleichzeitig wird das Meer geschildert als von den Menschen bedroht, in seiner Ökologie zerstört, der inzwischen weiter erhöhte und befestigte Deich, hinter dem sich die Menschen verbessert eingerichtet haben, wird vorgestellt als Symbol der Entfernung des Menschen von der Natur.
Licht-Schatten, Sonne und Mond haben ähnlich wie bei Storm symbolische Funktion: Sonne und Licht fungieren klärend und sind der Wahrheitsfindung zugeordnet, verdeckte Sonne, dumpfe Luft stehen für Bedrückendes und unaufgeklärte, belastende Probleme, Schatten und Finsternis deuten auf verbrecherische Umtriebe, undurchschaubare Zusammenhänge, der Mond im Kampf mit Nacht und Wolken steht für Unruhe, Kampf und Angst. Am Schluss bescheint die Sonne nicht wie bei Storm die Verwüstung, sondern die durch Wahrheitsfindung und menschliche Bewusstwerdung entstehende Fähigkeit zu Liebe und verantwortlicher Lebensgestaltung.
Tiere verdeutlichen auch im Roman in dem, was ihnen von Menschen positiv oder negativ angetan wird, den Charakter der Menschen und stehen symbolisch für den Umgang der Menschen mit der Natur, auch für den Umgang der Menschen untereinander. Da es sich bei dem Roman um die Sicht der kleinen Leute auf das Geschehen handelt, also um die Unterperspektive, stehen kleine Tiere im Vordergrund, nur der Wal zeigt deutlich, wie durch Verschulden der Menschen große und imposante Wesen zum Scheitern verurteilt sind und ihr Scheitern von den Schuldigen gewinnbringend ausgeweidet wird. Die Möwe, die auch hier für die Geister der Verstorbenen steht, wird in dieser Bedeutung noch unmittelbarer vermenschlicht.
An Pflanzen kommt auch hier die Esche auf der Haienwarft vor in ihrer geschlechterüberdauernden Bedeutung, aber wesentlich auch die kleinen und unscheinbaren Pflanzen wie die Salzpflanzen, die sich - wie die schwachsinnige Wienke in ihrem Dorf - hartnäckig in feindlichem Element durchsetzen oder wie das Gras, bei dem z.B. taunasse Spuren einen Weg zur Leben-eröffnenden Wahrheit zeigen.
Insgesamt kann beschrieben werden, dass gemäß der Romanfiktion, dass sich nun ein Knecht, ein schwachsinniges Mädchen und ein einfacher Postbote um die Erhellung vergangenen Geschehens bemühen, die Schilderung der Natur deren Weltsicht veranschaulicht. Die Unfähigkeit zum Verbalisieren, die assoziative Sprunghaftigkeit der Gedanken, die Wortkargheit und das Ausweichen in allgemeine umgangssprachliche Wendungen bis hin zur Tabulosigkeit werfen ein Licht auf die Welt der kleinen Leute, deren unausgesprochene und vorbewusste Empfindungen und Einschätzungen u.a. durch die flankierende Naturschilderung verdeutlicht werden. Diese Stilmittel und der kunstvolle Einsatz von poetischen Gestaltungsmitteln wie Alliteration, neue, ungewöhnliche und überraschende Metaphern sollen zugleich als Merkmale des modernen Roman eingeordnet werden. Hinweise aus dem Briefwechsel mit den Autoren können hier eingearbeitet werden. Dem logisch und bedächtig ineinander geschobenen Aufbau von mehreren Rahmenhandlungen und einer Binnenhandlung bei Storm kann die reihende Montagetechnik mit Zeit- und Perspektivenwechsel bei Paluch/Habeck gegenübergestellt werden.