KN-Roman ab morgen von Andrea Paluch und Robert Habeck
Aus den Kieler Nachrichten vom 18.03.2005
Zuerst gab es die Idee einer Gespenstergeschichte, entworfen im Nachtzug von München nach Flensburg. Auch ein Scheidungsdrama hätte damals noch daraus werden können. Aber wenn Andrea Paluch und Robert Habeck eine Geschichte entwickeln, ist erstmal alles im Fluss.
"Das passiert bei uns im Zwiegespräch", sagt Andrea Paluch, "wir sammeln Ideen, Stichworte, Szenefolgen, Metaphern." Vormittags in der Küche, abends, wenn die vier Söhne im Bett liegen. "Die Form ergibt sich aus dem Mündlichen, quasi als Effekt der Sprache", sagt Robert Habeck, "das ist damals aus unseren Lyrik-Übersetzungen entstanden." Bis am Ende so viele Notizen im Block stehen, dass sich ein grober Textkorpus daraus wie von selbst ergibt. Um anschließend in immer neuen Überarbeitungen zu reifen. So wurde Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf doch ein etwas anderes Buch, ein bisschen Krimi und vor allem Erinnerungsroman, in dem die Ich-Erzählerin Helene dem Bild ihres bei einem Schiffsunglück verschollenen Mannes Robert nachspürt. Und einen Fremden findet. / "Ist er es oder ist er es nicht?", schmunzelt Andrea Paluch, "bei einer Lesung haben wir kürzlich festgestellt, dass wir uns darüber selbst nicht ganz einig sind." Seit dem Studium in Hamburg sind die Hannoveranerin und der in Heikendorf aufgewachsene Robert Habeck ein Paar und eine literarische Arbeitsgemeinschaft. Vor vier Jahren zogen die beiden Mittdreißiger mit ihren Kindern aufs platte Land zwischen Bredstedt und Flensburg. Gemeinsam haben sie Radio-Features und Kinderbücher verfasst, in ihrem Romandebüt Hauke Haiens Tod Theodor Storms Schimmelreiter fortgeschrieben und in Der Schrei der Hyänen den blutigen Herero-Aufstand in der deutschen Kolonie Südwest-Afrika verarbeitet. Nur als Politiker agiert Habeck, der im vergangenen November zum Chef der Nord-Grünen gewählt wurde, bislang allein. - "Alle drei Bücher haben mit der Suche nach Identität zu tun, nach den Wurzeln des Ichs", sagt Andrea Paluch. "In Hauke Haiens Tod und Der Schrei der Hyänen waren es starke Frauen auf dem Weg zu sich selbst; diesmal ist es eben nicht die Frage, wer bin ich, sondern: Wer bist du?" / Ein Gedankenmodell, verpackt in das Kammerspiel einer einzigen Nacht, in der die Erzählerin beim Opernbesuch in Hamburg jenem Torben begegnet, der ihr wie eine neue Version des verschwundenen Ehemanns erscheint. Und plötzlich gerät die Gewissheit des durchgeplanten Alltags mit den drei Kindern, dem Haus und dem Ingenieursbüro ein zweites Mal aus den Fugen. So entsteht ein poetisches Vexierspiel, das auch den Leser auf das unsichere Gelände gedachter, angenommener oder erinnerter Wirklichkeiten schickt. Und dass der Name "Robert" wie auch ein paar andere Versatzstücke aus dem Roman vielleicht autobiographisch gelesen werden, haben die Autoren als Teil des Spiels durchaus einkalkuliert. / "Ausgangspunkt für den Roman ist der Moment größten Glücks und dessen Fragilität", erklärt Robert Habeck und hat dabei durchaus den eigenen Lebensentwurf im Sinn: "Was passiert, wenn das Glück nicht mehr steigerungsfähig ist?" Dass diese Geschichte aus der Perspektive einer Frau erzählt werden sollte, war von Anfang an klar. "Weil starke Frauen leichter zu beschreiben sind als starke Männer", sagt Andrea Paluch, die knappe, schnelle Formulierungen mag. In der gemeinsamen Autorenschaft ist daraus mit den Jahren längst eine dritte, ganz eigenständige Stimme entstanden. "Die Kommunikation zwischen uns ist schneller geworden", sagen sie. "Dabei hat sich eine Art virtueller Autor entwickelt, der auch seinen eigenen Kopf und seinen Stil hat."
Andrea Paluch/Robert Habeck
Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf.
Piper Verlag, 171 Seiten, 16,90 €.
Ab morgen erscheint das Buch als KN-Fortsetzungsroman.