Der historische Hintergrund von „Schrei der Hyänen“
Das heutige Namibia war bis zum ersten Weltkrieg eine deutsche Kolonie – genauer, es war die deutsche Kolonie. Auf dem selben Längengrad wie Berlin, mit einem angenehmen Klima, weitgehend ohne tropische Sümpfe und demnach fast malariafrei, ausgestattet mit erheblichen Diamantenvorkommen und reichem Weideland, versuchte das Kaiserreich schon frühzeitig die Auswanderung nach Amerika in die Kolonie Südwest umzuleiten – zunächst mit nur geringem Erfolg. Im Jahr 1904 zählten die Farmer nur wenige Tausend und die Schutztruppe, die das Reich repräsentierte, zählte nur nach hunderten. Die drei größten Ethnien, die in Südwest siedelten, waren das Volk der viehzüchtenden Hereros, die Nama, die vor allem Jäger waren und die San, Buschleute, die in die trockenen Wüstenregionen der Omaheke abgedrängt wurden. Die Aufgabe der Kolonialmacht bestand vor allem darin, die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden mächtigsten Volksgruppen des Landes zu unterbinden oder zumindest in Grenzen zu halten. Die Sympathien lagen dabei klar auf Seiten der Hereros, die wegen ihrer Physiognomie, ihres Reichtums und ihrer Kooperation mit den Deutschen als Projektionsfläche für das Bild des edlen Wilden bestens geeignet waren.
Trotz der relativ geringen Besiedlungsdichte kam es nach der Jahrhundertwende zu immer größeren Spannungen zwischen den Hereros und den Deutschen. Die aus Europa über die Kapkolonie nach Südwest importierte Rinderpest hatte einen Großteil der riesigen Rinderherden der Schwarzen vernichtet. Die Deutschen konnten aufgrund eines Impfstoffes, den Robert Koch entwickelt hatte, ihre Herden schützen. Die Verarmung führte dazu, daß die Hereros immer mehr dem Kreditwesen deutscher Händler ausgeliefert waren und schließlich gezwungen wurden, ihre Schulden mit Landverzicht zu begleichen. Landübertragungen waren für die Hereros doppelt problematisch. In ihrer Gesellschaft herrschte eine Art Urkommunismus, der Weideflächen und Wasserstellen als Allgemeinbesitz vorsah und dem persönliche Schuld (und Verschuldung) weitgehend unbegreiflich war. Die deutschen Siedler nun zäunten ihre erhandelten Grundstücke sofort ein. Besonders der Oberkapitän der Hereros, Samuel Maharero, ein alkoholabhängiger und nur durch deutsche Intrigen an die Macht gekommener Mann, verprasste mit seiner Prunksucht unglaubliche Weideflächen seines Volkes.
Gouverneur Theodor Leutwein versuchte, dem wuchernden Kreditwesen zum Schutz der Hereros Einhalt zu gebieten und untersagte jedweden Handel auf Pump. Außenstände sollten binnen einer kurzen Frist eingetrieben werden, danach sollten sie verfallen. Was gut gemeint war, hatte böse Folgen. Die Weißen begannen, ihre Forderungen sofort einzutreiben – und lösten damit den Aufstand aus.
Am 11.1.1904 erhoben sich die Hereros gegen die völlig überraschten Deutschen unter der Führung von Samuel, der sich im Lauf des Krieges zu einem fähigen und tapferen Taktiker entwickelte. In wenigen Tagen wurden 120 Siedler ermordet, Farmen und Stores geplündert, Telegraphenleitungen zerstört, die Bahnverbindung unterbrochen. Leutwein befand sich mit dem Großteil der Schutztruppe im Süden der Kolonie – alle strategischen Vorteile lagen auf Seiten der Hereros. Aber die Eingeborenen führten ihren Krieg als Beutezug, nicht als Vernichtungskrieg nach europäischem Muster. Sie versäumten es, die Befestigungen, in die sich die Überlebenden zurückzogen, zu stürmen und es gelang ihnen nicht, die Nama zum Kriegseintritt zu überreden. Als Leutwein ins Aufstandsgebiet vorrückte, konnte er immer noch auf die besetzten Posten im Hinterland des Feindes zählen, gleichzeitig waren seine 750 Mann durch Nama-Hilfstruppen erheblich gestärkt. Trotz einer Überlegenheit von 1:10 war der Aufstand der Hereros schon nach wenigen Tagen gescheitert. Bis zum afrikanischen Winter kam es jedoch immer wieder zu Gefechten, bei denen die inzwischen aufgestocke Truppe erhebliche Verluste hinnehmen mußte. Über die Verluste der Hereos, die vermutlich noch höher waren, ist nichts genaues bekannt, denn die Gefallenen wurden nie zurückgelassen. Beide, Samuel und Leutwein, betrachteten diesen Krieg wohl vor allen Dingen als Machtprobe, nicht als endgültige Entscheidungsschlacht. Leutwein wußte, daß das Land wirschaftlich ohne die Hereros auf Jahre zurückgeworfen würde, Samuel hatte erkannt, daß man sich mit den Deutschen arrangieren mußte. Das Hin und Her des Krieges fand im nationalistischen Berlin immer weniger Zustimmung. Kaiser Wilhem II. wollte sich nicht vor aller Welt auf der Nase herumtanzen lassen und setzte Leutwein zu einem Zeitpunkt ab, als sich bereits Friedensverhandlungen abzeichneten. Sein Nachfolger wurde Generalleutnant Lothar von Trotha, ein Mann, der bisher jeden Widerstand in den Kolonien gegen die Deutschen unbarmherzig niedergeschlagen hatte. In seinem Stab befand sich Paul von Lettow Vorbeck, der spätere Kommandeur der Schutztruppe von Ostafrika. Trotha stockte die Truppe auf 15000 Mann auf, ließ schweres Kriegsgerät aus Deutschland anschaffen und plante die totale Vernichtung der Hereos. Am 11. August kesselte er den gesammten Stamm, etwa 80.000 Menschen, am Waterberg ein und erzwang die Entscheidungsschlacht. Den Hereros gelang der Durchbruch nach Osten in die wasserlosen Sandfelder der Omaheke. Von Trotha erließ folgenes Dekret: „Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“ Den Hereros blieb nur der Weg durch die Omaheke ins Britische Betschuanaland. Von den 80.000 Menschen verdursteten 65.000.
Der Kolonialschrifsteller Hans Grimm kommentiert trocken: „Ob ein Land, das durch sein Klima für ein weißes Volk und weiße Arbeit geeignet ist, nicht endlich leichter weißes Arbeitsland wird, wenn die schwarze Unterrasse fehlt oder weniger zahlreich ist, das sind Fragen, die weder mit gefühligem Schwatz, noch mit Achselzucken, noch vom Standpunkte des Nutzens der Einzelnen aus, beantwortet werden können.“
In Jahr 2004 jährt sich die Niederschlagung des Hereroaufstandes gegen die deutsche Kolonialmacht in Südwestafrika zum 100. Mal.