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Rezension / NDR kultur

Vorgestellt von Dagmar Penzlin

(Sendetermin: 4. März 2005, ca. 12.30 Uhr)

Beim gemeinsamen Übersetzen von Büchern haben sie gemerkt, dass sie auch zusammen Romane schreiben könnten. Andrea Paluch und Robert Habeck leben mit ihren vier Söhnen im äußersten Norden von Schleswig-Holstein. Und in den vergangenen Jahren erregte das Autorenehepaar mit ungewöhnlichen Büchern Aufsehen: mal schrieb es eine moderne Neufassung von Storms "Schimmelreiter", mal wagte sich das Duo an eine Familiengeschichte, die auf den blutig niedergeschlagenen Herero-Aufstand in Südafrika hinausläuft. Und auch das neuste Buch von Paluch und Habeck verspricht schon im Titel ein besonderes Leseerlebnis: Der Roman heißt "Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf".

Helene ist Mitte dreißig, hat drei Kinder, arbeitet selbstständig als Ingenieurin - und sie ist Witwe. Ihr Mann Robert starb vor eineinhalb Jahren bei einem Schiffsunglück. Das glaubt Helene jedenfalls bis zu jenem Abend, als sie im Foyer der Hamburgischen Staatsoper ihren toten Mann zu sehen glaubt.

"Ich kann meinen Blick nicht von Robert lösen. Er steht einfach da, unterhält sich mit der blonden Frau, kichert über einen Witz, sein jungenhaftes Kichern, das ich schon ganz vergessen hatte. Meine Erinnerung hat sich immer auf Bilder konzentriert. (...). Roberts Stimme habe ich nie erinnert, sein Lachen, sein Singen, sein Vorlesen am Kinderbett. Jetzt, wo er vor mir steht und ich ihn kichern sehe, schrumpfen die letzten achtzehn Monate zu einer Sekunde."

Helene ist zunächst wild entschlossen, Robert zur Rede zu stellen. Doch Robert heißt nicht Robert, sondern Torben. Und nach einem spontanem Begrüßungskuss wird Helene mulmig zu Mute:

"Wie konnte ich mir nur wünschen, dass dieser Mann Robert ist? Wenn er es wäre, würde alles nur schlimmer. Sein Tod hat uns die Zukunft abgeschnitten, sein vorgetäuschter Tod würde uns auch noch die Vergangenheit nehmen, das gemeinschaftliche Glück. Wenn dieser Mann Robert ist, hat er ein Doppelleben geführt, dann war meine Trauer umsonst, dann hat er alles verraten, was je versprochen war."

Helene und Torben verbringen die Nacht zusammen. Manches spricht dafür, dass dieser Mann Robert ist, manches dagegen. Woher weiß Torben, dass sie nachtblind ist? Warum tanzt er viel geschmeidiger und eleganter als Robert? Helene ist verwirrt. Und sie fühlt sich verliebt. Am frühen Morgen ist Torben bereit, einen Gen-Test zu machen:

"Er tippt und drückt auf die Wahlfunktion. Ich starre ihn an. Gewissheit, ich wollte Gewissheit. Aber Gewissheit wäre wieder ein Verlust. Ich nehme sein Handy und mache es aus."


Emotionale Achterbahn

Als Leser verfolgt man atemlos die emotionale Achterbahn, die Helene durchlebt. Das Autorenehepaar Andrea Paluch und Robert Habeck hat virtuos ein dichtes Netz gewebt aus Helenes Trauer und Sehnsucht, aus ihren Erinnerungen und Mutmaßungen. Man wird Zeuge, wie die Begegnung mit Torben die festgefügte Gedankenburg der Witwe ins Wanken bringen. Mehr und mehr tritt dabei die Frage zurück, ob dieser Torben einmal Robert war. Größere Fragen stellen sich: Wie sehr ist man bereit, sich den steten Veränderungen im Leben zu öffnen? Wie sehr bereit, einem geliebten Menschen Freiräume für Wandlungen zu schenken und sich in Beziehungen immer wieder neu zu begegnen? Schon im ersten Drittel des Romans denkt Helene:

"Irgendwie muss man damit umgehen, dass nichts so bleibt, wie es einmal war, als man es Glück nannte."

Andrea Paluch und Robert Habeck haben nicht umsonst Helenes Geschichte ein Zitat als Motto mitgegeben. Ein Zitat von Max Frisch, dem ausgewiesenen Experten für fiktives Spiel mit Biographien. Es geht um die Frage, wann ein Leben ein wirkliches Leben gewesen ist. Frischs Antwort: Das ist dann der Fall, wenn "einer mit sich selbst identisch wird".
Wie verschlungen solche Prozesse sein können, beim Lesen des neuen Romans von Paluch und Habeck bekommt man eine Ahnung. Ein aufregender Roman. Ein philosophischer Roman.