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oder warum Hauke Haien nicht denken muß, daß er Angst hat

von Andrea Paluch und Robert Habeck

Kleiner Aufsatz zur Einladung anlässlich der Buchveröffentlichung, Husum 2001

Sylvia Plath erklärt in einem Interview, das Neue an ihren gerade erschienenen Gedichten entstehe dadurch, daß sie sich die Texte jetzt laut vorlese. Duktus, Stil und auch die Themen hätten sich auf diese Weise verändert.
Wir wunderten uns sehr, als wir das übersetzten. Kaum zu glauben, daß es so viel Jahre literarischen Lebens gebraucht hat, bis Plath zu dieser Erkenntnis gekommen ist.
Unsere gemeinsame literarische Arbeit begann als Gespräch. Zunächst beschäftigten wir uns mit Lyrik, übersetzter und eigener, deren Wurzeln ja im Vortrag liegen.
Mündlich ist auch „Hauke Haiens Tod“ entstanden, indem wir uns den Text immer wieder vorgelesen und beim Lesen die Worte auf ihre Kraft und Tauglichkeit abgeklopft haben. Dabei wurden unsere subjektiven Anteile immer weiter reduziert, nahm sich jeder von uns immer mehr zurück und versuchte, die Ansprüche des Textes zu erfüllen. Der Schwund von langen, fabulierenden Sätzen, die sämtliche Befindlichkeiten und innere Zustände erklärten, wurde durch eine hohe Dichte an Metaphern, Alliterationen und Stabreim-Staffeln wettgemacht. So entfaltete der Text seine sprachliche Logik aus stilistischen Prämissen.

Er hörte die Dusche im Kabuff neben der Kochnische rauschen. Dann verstummte das Wassergeräusch, die Tür ging auf und die nasse Iris tropfte zu dem Stuhl, über dem ihre Wäsche hing. Eine dampfende Schwade schwappte mit ihr in den kleinen Raum und machte die Luft schwer und stickig. Iven sog den Wasserdampf tief durch die Nase ein und atmete den Geschmack sauberer Haut wieder aus.

Wir wollten die stilistischen Elemente jedoch so einsetzen, daß sie auch überlesen werden können. Und das ist die Strategie für den ganzen Text. Statt mit Gelehrsamkeit zu protzen, soll sich die unaufdringliche Komplexität im Leseerlebnis widerspiegeln. Der Text ist das Angebot, tiefer zu tauchen, wenn man nicht nur baden will. Was man am Grund entdeckt, wurde von uns dort hinterlegt, aber so, daß es beim Schwimmen nicht stört.
Es gab Alternativen, die ein Weniger an literarischen Möglichkeiten geboten hätten. Es wäre naheliegend gewesen, den Dialog mit dem „Schimmelreiter“ über ein Hin und Her der Vorworte, Rahmenhandlungen, Herausgebererklärungen zu inszenieren. Wir wählten die kleinere Lösung und machten Theodor Storm (in der Maske von Pappe, des Herausgebers der Hamburger Lesefrüchte, Storms Quelle) zu einer Figur in unserem Roman. Es wäre reizvoll gewesen, z.B. Hauke Haien als Ich-Erzähler zu inthronisieren. Wir wählten die unspektakulärste Erzählerstimme, einen auktorialen Erzähler und verwischten seine Allmacht, indem wir ihm mitunter die beschränkten Sichtweisen unserer Figuren unterstellten. Nicht zuletzt wäre es auch schön gewesen, gar nicht von Hauke, Elke, Harke, Krista, Ole und Vollina zu schreiben, sondern von Andrea und Robert, wie sie sich verlieben und trennen und wieder verlieben. Aber das würde jeder Leser klarer sehen als wir selbst.

Unser Roman ist ein Thriller, ist ein Spiel mit Intertexten, beinhaltet eine kleine Liebesgeschichte, die Entwicklung Ivens von einem Stiesel zu einem agierenden Menschen. Doch das, was wirklich zählt, sind die Momente der Sprachlosigkeit, die Brüche in den Personenbildern, die sich beim Lesen einstellen. Folgt man dem Erzähler, ist Ann Grete eine kleine Dorfschlampe, die ihn wie eine Hure verführt. Dann bricht die Perspektive weg, man merkt, daß man die ganze Zeit keiner neutralen Stimme, sondern Ivens Sicht auf die Welt aufgesessen ist und liest plötzlich aus Ann Gretes Sicht von ihren Hoffnungen und Iven, dem man zuvor gern geglaubt hat, ist nun ein riesen Hornochse. Vielleicht stutzt man, vielleicht ahnt man hier, daß alls ganz anders sein könnte, als es das Buch vorgibt, vielleicht beginnt der Boden ein wenig zu schwanken. Darum geht es uns. Darum gibt es einen Intertext. Man muß den „Schimmelreiter“ nicht kennen, um unser Buch zu lesen. Aber wenn man weiß, daß es ihn gibt, dann ahnt man, daß unter der Oberfläche noch etwas anderes verborgen sein kann.

Das ist die Geschichte von Hauke Haien wie ich sie nach bestem Wissen nur berichten konnte. Freilich, die Wirtschafterin unseres Deichgrafen würde sie Ihnen anders erzählt haben.

So schließt Storms „Schimmelreiter“ und liefert uns eine Steilvorlage. Würde unser Buch Iris, die es seit elf Jahren nicht übers Herz bringt, Iven zu sagen, daß sie kein Duschgel mag, ihre Geschichte erzählen, wäre es eine andere Geschichte. Würde Harke Niß, der eine Frau gekauft hat, um nicht mehr einsam zu sein und sie jetzt so sehr liebt, daß er sich von ihr vergiften läßt, die Geschichte erzählen, wäre es eine andere. Und würde Ole Peters, der nie Kinder hatte, aber seinen Betrieb noch immer „Peters & Söhne“ nennt, seine Geschichte erzählen, dann wäre es vermutlich kein Thriller, sondern eine Tragödie. Wir haben uns für den Thriller entschieden, weil es uns am Bescheidensten erschien. Und zugleich am schwersten. Denn wie man Spannung erzeugt, dafür gibt es keine Regeln. Die Personen unseres Romans kamen uns aber netterweise zur Hilfe. Ihre Art, immer nur die Hälfte zu sagen, ist kein Charakterzug, wie ein gängiges Vorurteil über die Küstenbewohner sagt, sondern die Hilflosigkeit, das eigene Leben und Erleben in Worte zu fassen. Die verschwiegene Hälfte ist immer die, die über das Konkrete hinaus geht, die mit Deutungen einherginge und somit auch mit Selbstbewußtsein. Die geistesgestörte Wienke, die nichts Abstraktes versteht, ist insofern nur das ausgeprägte Exemplar ihrer Art.
Ihrer Art? Nein, unserer Art. Denn die Einfachheit ihrer Sprache haben wir den Menschen in den Mund gelegt. Sie ist nichts, was natürlich gegeben wäre, sondern gerade da eine Kunstsprache, wo sie am knappsten ist. Die Verstocktheit der Dörfler ist nicht das Gegenstück zu den verschwenderischen Naturbeschreibungen, sondern deren Bonus. Nur weil der Mond seine Sichel durch irr tobende Wolkenschaden sticht, braucht Hauke nicht mehr zu betonen, daß auch er Angst vor dem Tod hat.
Statt Seelenlandschaften schildern wir reale, um emotionale Zustände anzudeuten. Unsere Mystik resultiert nicht aus einer Spukgeschichte, sondern aus dem menschabgewandten Kreatürlichen. Die Natur ist unverständlich, wirkt gewalttätig – ist aber nur die Kraft eines ungedrosselten Lebens. Insofern sind wir nicht so sehr Sylvia Plath verpflichtet als Ted Hughes. Und können nicht verstehen, warum die beiden keinen Roman zusammen geschrieben haben.