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Interview mit Glamour, 2002

Seit wann kennen Sie sich und wie alt sind Ihre Kinder?
Wir haben uns 1990 während des Studiums in Freiburg kennengelernt. Unser Ältester ist fast 5, die Zwillinge 2 Jahre alt. Dazu eine verrückte Anekdote. Als wir die Verhandlungen mit dem Fischer-Verlag unter Dach und Fach hatten, telefonierte Robert mit unserem Lektor. Jakob, unser ältester kam rein, weil von seinem Lieblingstrecker das Vorderrad fehlte. Robert sagte: „Jakob, warte noch `n Augenblick.“
Unser Lektor: Wer ist denn Jakob.
Robert: Mein ältester Sohn.
Lektor: Das ist ja witzig. Mein ältester heißt auch Jakob. Haben Sei denn noch mehr?
Robert: Anton und Konrad.
Schweigen. Dann
Lektor: Jetzt wollen Sie mich veräppeln – woher wissen Sie das?
Robert: Was?
Lektor: Ich habe auch noch zwei Söhne – und die heißen
Robert: - nein –
Lektor: Doch – Anton und Konrad.

Ein fast stormisches Omen. Aber auch mehr als das. Unsere Kinder heißen wie sie heißen, weil Jakob (der ist kontingent) in der Buchstabenfolge geblieben und wie ein Kreuzworträtsel geschrieben als nächste Anfangsbuchstaben A und K vorgab (O und B fehlen noch). Aus der Vielzahl der A- und K-Namen wollten wir, wie bei Jakob, alte Namen, dann zweisilbige, dann welche, die den Vokalstamm wahren und zwar rein (kein zusätzlicher Vokal) und nach Möglichkeit auch die Konsonanten wiederholen – da ist die Sache schon fast zwangsläufig. Und die gleichen Überlegungen bei der Familie des Lektors. Wir schreiben das jetzt alles nicht zur Unterhaltung, sondern um ein Stilprinzip von Hauke Haiens Tod anzusprechen. Im Grunde besteht fast jeder Satz aus solchen Anlautreihen. Man überliest das vielleicht, aber tatsächlich wird man beim lesen dadurch getragen.

Seit wann schreiben Sie zusammen?
In der Gattung Prosa sind „Hauke Haiens Tod“ und „Die Jagd auf den Wolf“ unsere Erstlinge. Davor haben wir englische Lyrik ins Deutsche übertragen, Radiofeatures und Hörgeschichten für Kinder geschrieben und kleine Lektüren für Deutschlerner. Diese gemeinsame Arbeit begann vor etwa fünf Jahren. Und als wir dann an eigene Prosa ohne vorgegebene Formate gingen, konnten wir auf einen gehörigen Schatz an Zusammenarbeit zurückgreifen.

Wer hatte die Idee zu diesem Roman bzw. was ist die "Vorgeschichte"? Sie
schreiben, dass der Roman innerhalb von drei, vier Monaten im Brecht Haus,
Svendborg fertig gestellt wurde. Handelte es sich um ein Autoren-Stipendium?

Nach den „Birthday Letters“ von Ted Hughes gab es kaum noch Steigerungen im Bereich englischer zu übersetzender Lyrik. Also konzentrierten wir uns auf eigene Texte.
Andererseits ist es auch so, daß das von Anfang an das Ziel gewesen war. Die Zeit war einfach reif, es zu versuchen.
Die Option war, unser bisheriges Leben, finanziert durch Jobs an der Uni, Promotionsstipendien, die beginnende und dann ausgreifende literarische Arbeit, aufzugeben, oder noch einmal alles auf eine Trumpfkarte zu setzen. Denn von Lyrik, erst recht übersetzter, kann kein Mensch leben. Andrea war mit Zwillingen schwanger und wir wußten, wir kriegen zwei Jahre für zwei Kinder Erziehungsgeld und für drei Kindergeld, also knapp 2000 DM. Das reichte, um erst einmal alle andere Arbeit ruhen zu lassen – allerdings gab es nur dieses schmale Fenster. Hätte es jetzt nicht geklappt, wäre es wohl nie etwas geworden.

Das Brecht-Haus in Svendborg ist das Haus, in dem Bertolt Brecht 1933-38 im Exil lebte. Es ist ein ideelles Stipendium, man bekommt kein Geld, muß allerdings bis auf die warmen Kosten auch keine Miete zahlen. Davon abgesehen, daß man in Mitteleuropa kaum schöner wohnen kann, das Haus liegt direkt am Sund, hat einen eigen Steg, gibt es von all den vielen Literaturstipendien und Stadtschreiberstellen nur wenige, die auch für Familien und Kinder geeignet sind. Dieses Haus ist es, strohdachbehütet und sturmumtost..

Wie kann man sich Ihre Zusammenarbeit bzw. Arbeitsteilung vorstellen? Ist
einer von Ihnen beiden eher für die Struktur, den Aufbau, der andere für die
Ausdrucksform verantwortlich?

Nein. Man muß den Autor/die Autorin Paluch/Habeck als einen Menschen denken. Es ist wie bei der Lyrikübersetzung, wo auf der Grundlage einer Rohfassung Rhythmus, Reim, Kadenzen im Gespräch festgelegt wurden. Über die verschiedenen Vorstufen der vagen Ideen, einer karteikartenfixierten Geschichte und einer groben Kladde, die jede/r wechselweise erstellt, kommen wir zum eigentlichen. Das ist das mündliche Entwicklen der einzelnen Sätze, Wort für Wort und in immerwährender Wiederholung – bis der Text steht.
Natürlich gibt es Vorlieben oder Schwächen. Aber die lassen sich nicht an einzelnen Arbeitsstufen festmachen.

In Svendborg (s.Frage oben) gab es genau die Vorstufe der Kladde. Der eigentliche Text ist in den kinderschlafenden Mittagspausen und langen Nächten dort entstanden, in vier Monaten.

Welche Vorlieben (Wortwahl, Liebe zum Detail, etc.) beim Schreiben haben
Sie, Frau Paluch, welche Sie, Herr Habeck? Jeder hat doch bestimmt auch
eigene Tics, mit denen der andere umgehen muss.

Sagen wir nicht. Das ist wie bei Lennon/ McCartney: Im Zweifelsfall sind wir es immer beide gewesen.

Wie wirkt sich ein so enges Arbeitsverhältnis auf die Partnerschaft aus?
Eigentlich gar nicht. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Höchstens, daß wir beide froh sind, daß es so ist wie es ist und nicht eine/r die ganze Zeit alleine mit den Kiddies oder dem vorgesetzten C4-Prof oder dem Verleger rumhängen muß. Aber wenn einer die Milchtüte wieder nicht richtig in den Kühlschrank gestellt hat oder jeden Satz noch einmal von innen nach außen krempelt, dann hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.
Und keiner von uns wäre froh, wenn der andere endlich mal weg wäre.
Unsere Selbstverwirklichung ist die jeweils andere.

Was hat Sie an diesem Thema gereizt, die Geschichte des Schimmelreiter in
die heutige Zeit zu verlegen und weiterzuerzählen?

Das sind zwei Fragen. Zunächst gab es die Idee, ein Buch zu schreiben, daß sowohl Spannung (U-Literatur) als auch Anspruch (E-Lit.) miteinander paart. D.h. Kriminalfall ohne Kommissar, daß hieß Mord – nicht durch aktives Handeln, sondern durch Unterlassung. Dann kam die Idee, das Personal mit bereits existierendem zu besetzen. Und unter verschiedenen klassischen Texten bot uns der Schimmelreiter ein Figurenensemble, das wortkarg ist, ungebildet, geistesgestört. Das war sein Reiz. Wir wollten eine Geschichte über Menschen erzählen, die eigentlich nicht miteinander kommunizieren können – und gerade die lösen nicht nur einen komplexen Krimi-Plot auf, sondern enträtseln zugleich einen klassischen deutschen Text. Dazu kam das Lokalkolorit des Textes, das Meer, die Marsch, öde und erhaben zugleich, Storms stilistische Eigenart des knappen Erzähltons, der weitgehend auf Innerlichkeiten verzichtet, und schließlich die vielen Geschichten, die anerzählt werden, aber nicht ausgeführt (Wieso hat Hauke keine Mutter? Warum ist Tede Haien gegen die Verbindung Elke-Hauke? Warum wird das Konventikel eingeführt? Wieso fährt eine Frau mit einem vierjährigen Kind in einer Sturmflut an den Deich, zumal ihr Mann ein Kerl ist, wie er im Buche steht (und außerdem auf sicherem Boden)?
In der Gegenwart spielt der Text, weil wir unterstreichen wollten, daß es keine Fortsetzung des Schimmelreiters ist. Es ist ein Roman, der auch ohne bildungsbürgerlichen Hintergrund funktioniert. Es ist auch, aber eigentlich vor allen Dingen ein gegenwärtiger Roman in einer gegenwärtigen Sprache mit heutigen Menschen und deren Lebensumständen.

Was fasziniert Sie am Meer, am Norden?
Andrea faszinieren vier blonde Männer, drei davon mit knackebraunem Po. Robert der Wind, der die Wolken zerfetzt und einem die Zeit aus den Lungen und den Wagemut wieder in den Kopf bläst.

Wer hat Ihren Roman als Erster lesen dürfen?
Die Lektoren bei den Verlagen, bei denen wir ihn eingereicht haben. Wir haben bewußt auf LeserInnen vorab verzichtet, solange es keine Zusage gab. Man muß an sich selbst glauben, was man unveröffentlicht nie tut, aber andere Stimmen verwässern nur den Text und machen einen kirre.
Anfangs wollten wir nicht, daß der Klappentext von der „wahren“ Geschichte des Schimmelreiters spricht. Wir wollten gar keinen Bezug zu Storms Buch herstellen. Nun ist es gut wie es ist, aber man muß die Anführungszeichen mitlesen, die keine Gänsehäkchen sind, sondern Hasenöhrchen. Und diese Hasenöhrchen muß man auch beim Text haben. Wer glaubt, das Buch ist nur unterhaltsam, hat nicht richtig zugehört. Wer denkt, Iven ist nur ein Depp, der tut ihm Unrecht. Wer denkt, mein Gott, warum sagt er nicht, daß er Iris liebt, überhört das leise Geräusch des Türklickens – und verpaßt den Menschen. Im Endeffekt geht es darum, das Erbarmen im Abgrund zwischen den Menschen aufblitzen zu lassen.

Was haben Sie getan, als der letzte Satz geschrieben war?
Eigentlich haben wir unmittelbar danach den gesamten Hausstand einer fünfköpfigen Familie in einen alten VW-Transporter geladen und sind von Svendborg nach Hause gefahren.